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Dienstag, 12. Mai 2020

Best of India

Indien.
Zwei Monate in einem Land, das ich eigentlich gar nicht vor hatte zu besichtigen. Warum auch? Ich wusste nicht viel über dieses Land, außer dass verdammt viele Menschen darin leben, es dreckig, laut und voll sein soll. Zusätzlich dann noch die gehäuften schlechten Nachrichten, die Indien im Ausland ein außergewöhnlich schlechtes Image geben. Viele Menschen, große Städte und die Emanzipation von Frauen hängt auch noch Jahrzehnte hinterher. Wenig überzeugend. Muss ich mir das antun?

Aber Insa wollte gehen und ich bin kein Mensch, der auf seiner einmal gefertigten Meinung beharren muss, also warum nicht? Ein großer Teil vom Reisen ist es über seinen eigenen Schatten zu springen, Neues auszuprobieren und zu entdecken. Aus seiner Komfortzone ausbrechen und einfach mal etwas machen, das man im Grunde gar nicht machen will. Vor Herausforderungen bin ich eh noch nie zurück geschreckt, also hatte ich schon vor der Abreise gewusst, dass ich irgendwann in Indien landen würde.

Und im Endeffekt wurde ich überrascht. Positiv. Auf vielfältige Art und Weise. Von den Menschen, von der Natur, von der Kultur, sogar von den Städten.
Ich will nicht sagen, dass alles positiv war, denn auch die negativen Erfahrungen gehören dazu, aber ich bin sehr froh, dass ich mit einem offenen Blick in dieses Land gegangen bin. Denn Indien ist das „anderste“ Land, in dem ich je war. Es gibt ein paar Verrücktheiten und Besonderheiten, die ich hier noch einmal kurz zusammenfassen will, falls ich sie in den vorangegangenen Blogeinträgen noch nicht erwähnt habe. Und falls doch, dann halt noch einmal. ;)


Kategorien:

- Geld / Bezahlen
- Menschen
- Essen
- Internet
- Verkehr


Geld / Bezahlen:

Von neugedruckten Geldscheinen, die quasi das Licht reflektieren bis zu zerfledderten Lappen, die beim kleinsten Windhauch zu Staub zerfielen und ungefähr die appetitliche Farbe von Dreck hatten, konnte man alles finden. Ich weiß nicht wie häufig sich die Verantwortlichen ein neues Design für die Scheine ausdenken und herausbringen, aber wir hatten so viele unterschiedliche Varianten in der Hand, dass man vermutlich einfach sein eigenes Design in Umlauf hätte bringen können und niemand hätte bemerkt, dass es Falschgeld war. Die Münzen, die man manchmal als Rückgeld bekam und manchmal nicht, waren genauso unlogisch aufgebaut was Größe und Dicke und Einheitlichkeit anging. Mit denen kam ich nach 2 Monaten immer noch nicht klar.
Ansonsten sind die Rupienscheine eigentlich ganz hübsch, auf einer Seite immer das Gesicht von Gandhi darauf.
Beim Bezahlen musste man dann aber hoffen, dass man entweder den Betrag passend hatte oder der Gegenüber einer der wenigen war, der dir Rückgeld geben konnte. Aus irgendeinem Grund hat einfach nie jemand Bargeld dabei und wenn dann in verschwindend geringen Mengen. Vermutlich wurden wir deswegen nicht ausgeraubt, niemand geht davon aus, dass jemand Geld dabei hat. Ich habe absolut keine Ahnung wie das in diesem Land läuft.
Aber spannend war, dass fast jeder Straßenhändler auch bargeldloses Bezahlen anbot. Code scannen und mit dem Handy bezahlen. Allerdings ist die Smartphonedichte in Indien ganz sicher nicht so hoch wie in Deutschland. Also sind dies alles Beobachtungen und Erfahrungen, aber das Gesamtbild erschließt sich mir nicht. Wie können einerseits fast alle mit alten Handys auskommen und andererseits kein Bargeld dabei haben? Wie kannst du als Restaurant kein Wechselgeld in der Kasse haben?
Einzig in den Bussen funktionierte das System ganz gut: Am Anfang ging der "Schaffner" durch den Bus und sammelte von jedem Geld ein in Austausch für ein Ticket. Wer nicht passend bezahlen konnte, bekam kein Rückgeld, sondern eine Notiz auf dem Ticket. Später ging er dann wieder herum und verteilte das Rückgeld.

Eine Ehrfahrung am Flughafen, die zu diesem seltsamen Brauch passt: Wir mussten für unseren Flug ja das Ticket ausdrucken, was natürlich nicht umsonst war. Kostete 50 Rupien oder so (80 Rupien = 1 Euro), wir hatten allerdings nur 100 klein und das war ein Problem, denn die Dame hinter dem Schalter konnte uns das Rückgeld nicht geben. Auch alle Nachbarn in den Schaltern hatten keine 50 Rupien. Sie musste ein paar Minuten herumtelefonieren, um jemanden am Check-In Schalter aufzutreiben, die uns das Rückgeld dann geben sollte.




Handeln:

Wie in jedem asiatischen Land sind die Preise natürlich nicht fix, zumindest nicht für Touristen. Das fing mit jedem TukTuk an und endete mit Essen und Souvenirs. In den großen Städten nutzen wir Apps, wie Uber und Ola (nur für Indien), um uns TukTuks zu holen und dort sah man direkt den Unterschied: Für die selbe Strecke zahlte man in der App oft nur ein fünftel von dem Preis, den wir auf der Straße bekamen. Selbst wenn wir dann den besten Handeltrick benutzten - einfach weggehen - gingen die Fahrer nicht auf diesen Preis hinunter.
Ich bin kein großer Fan vom Handeln, besonders weil alles in Euro umgerechnet trotzdem noch billig ist, aber verarschen lasse ich mich nicht gerne und so handelten wir was das Zeug hielt. Aber es ist anstrengend. Ich habe immer das Gefühl, dass beide Parteien Verlierer sind anstatt Gewinner.

Also ab zur nächsten Kategorie:


Menschen:

Indien ist voll von merkwürdigen Menschen. Und damit meine ich nicht nur Inder, auch viele Touristen sind hier gehäuft merkwürdig. Aber vielleicht sind ja auch wir komisch. ;)
Ein Beispiel aus Rishikesh:
Wir waren in einem 4er Female Dorm, was im Norden Indiens immer eine gute Idee war. Eigentlich. Dort waren im Winter nämlich so gut wie keine westlichen Touristen unterwegs und Inderinnen reisen in der Regel nicht alleine. Somit hatten wir eigentlich überall den ganzen Schlafsaal für uns alleine. In Rishikesh leider nicht. Die Frau, die schon vor uns in diesem Raum lebte und auch nach unseren drei Tagen nicht dort auszog, war Inderin und irgendwas stimmte mit ihr nicht. Sie verließ den Raum nur, um im Hostel Essen zu bestellen und sie schickte sogar das Personal los, um ihr Chipstüten zu kaufen. Sie hatte leider auch den entsprechenden Körper.. Aber uns ja ziemlich egal was andere Leute machen, solange sie uns nicht nerven. Leider gehörte sie jedoch auch zu dieser Kategorie. Scheinbar hatte sie noch nie zuvor in einem Dorm gelebt, denn die meisten halten sich an ein paar einfache Regeln, die auch oft als "Hausregeln" an den Wänden stehen. Ab 22 oder 23 Uhr keinen Lärm mehr, Licht aus etc. Sowas halt. Normal.
In einer Nacht - Insa schlief schon und ich machte gerade mein Licht aus, es war nach 23 Uhr - bekam sie plötzlich einen Anruf.. und ging dran. Die Tür war exakt einen Meter von ihr entfernt, aber sie kam nicht auf die Idee aus dem Zimmer zu gehen oder den Anruf zu beenden. Insa fragte zweimal nett, ob sie das Telefonat beenden könne, dann musste Insa ziemlich laut und angepisst werden, bevor sie endlich aufhörte zu telefonieren.
An anderen Nächten oder um 6 Uhr morgens aß sie sehr laut aus ihren Chipstüten und sie schaute den ganzen Tag und die halbe Nacht irgendwelche Serien und fing immer wieder laut an zu lachen. Ich habe selten eine so nervige Person getroffen. Naja, immerhin schnarchte sie nicht.

Ansonsten hatte ich eigentlich lieber mit Frauen zu tun, denn in dieser Männerkultur hatten wir nicht nur einmal Probleme mit Männern, die wohl nicht damit klar kamen, dass wir als Frauen widersprachen und mit ihnen Diskutierten. Selbstbewusst und mit großer Wahrscheinlichkeit besser ausgebildet, hat das wohl dem Ego des Gegenüber nicht gefallen. Das Problem, wenn wir im Recht waren: Die Männer konnten das nicht zugeben und das schien sie noch wütender zu machen. Es war anstrengend und so sinnlos. Indien hat in der Hinsicht noch einen weiten Weg vor sich.

Aber nicht nur in dieser Hinsicht. Die allgemeine Armut ist da wohl eher das größere Problem. Wir kamen in unserer Zeit mit vielen Bettlern in Kontakt, von Frauen mit Babys, die Milch wollten, über Kinder, die unsere getragenen, verschwitzten Socken wollten (was zur Hölle?) bis zu Menschen mit starken Behinderungen, die quasi zur Schau gestellt wurden. Einmal sahen wir sogar eine Kuh, der ein 5. Bein an der Schulter wuchs und die an der Straße gesegnet wurde. Menschen spendeten Geld.
Uns wurde irgendwann von einem Inder erklärt, dass es ein staatliches Hilfsprogramm für Menschen unter einem bestimmten Einkommen gibt und dass die Bettler auf den Straßen in der Regel zu Banden gehören würden. Da die Tricks und Maschen vielerorts gleich waren, kam mir das auch nicht sehr unwahrscheinlich vor. Alle Menschen, die sich von dir Geld erhofften - ob nun TukTuk-Fahrer, Bettler oder Priester in Tempeln, die dir rote Farbe an die Stirn klatschen wollten - waren unglaublich penetrant, alle anderen Menschen, die wir kennen lernten, waren freundlich, hilfsbereit und sehr nett. Schade, dass man als Tourist in Indien fast nur mit ersterer Kategorie zu tun hat. Es war auch immer sehr schön für uns in Restaurants zu gehen, die abseits der touristischen Plätze liegen, natürlich waren die Preise dort einerseits geringer, aber noch besser war, dass die Menschen dort immer so begeistert waren mit uns reden zu können und sie kamen gar nicht auf die Idee uns verarschen zu wollen. Ein paar Mal verrechneten sie sich auf der Rechnung sogar zu unseren Gunsten, was wir natürlich aufklärten. Auch anders herum wurde sich in Hostels und Restaurants immer mal verrechnet, so dass wir immer alles genau nachprüften. Manchmal war es gar nicht mal wenig.

In Pushkar trafen wir eine Frau, die Saskia (und danach auch mir) ein Hennatattoo machte und dabei von sich erzählte. Eine fröhliche Frau, die viel lachte und so alt war wie wir. Sie hatte mehrere Kinder und sie hatte ihren Mann verlassen, weil er trank, um hier in der Wüste in einem Zelt zu leben. Sie versuchte genug Geld zu verdienen, damit die Kinder in die Schule gehen konnten, denn sie selbst konnte nicht lesen und hatte nie einen Beruf gelernt.
Für uns kaum vorstellbar welche Entscheidungen sie hatte treffen müssen, um sich in diesem Land mit so vielen Menschen, so wenig Geld und kaum einer Perspektive, alleine mit ihren Kindern auf den Weg zu machen.



Eine andere spannende Sache, die für uns wie aus einem anderen Jahrtausend anmutet, sind die arrangierten Hochzeiten, auf die ich noch einmal kurz eingehen will. Denn - mal ehrlich - man hat seine eigene Vorstellung davon, wie zwei Menschen und besonders junge Frauen zu einer Zwangsehe gezwungen werden und für die Entscheidung ihrer Eltern leiden müssen. "verkauft werden", "junge Braut, alter Bräutigam", etc.
So ist es aber tatsächlich in den meisten Fällen gar nicht. Nicht überraschend, dass auch dieses Vorurteil so also nicht stimmt. Es ist tatsächlich korrekt, dass der Großteil der indischen Hochzeiten "arrangiert" ist durch die Eltern des Brautpaares, aber es läuft anders ab, als wir uns das vorstellen.
Wenn ein Mann oder eine Frau sich bereit fühlt eine Familie zu gründen, kann er/sie zu seinen Eltern gehen, die nun einen riesigen Apparat an Bekanntschaften und Verwandten zum Laufen bringen, um nach einem geeigneten Partner zu suchen. Und dann gibt es Treffen. Man sieht sich mehrere Male, lernt sich kennen und entscheidet dann, ob man sich verloben möchte. Jeder der beiden hat dabei die Möglichkeit nein zu sagen.
Natürlich gibt es besonders in den größeren Städten, in den höheren Schichten, bei den moderner erzogenen jungen Leuten, auch viele, die sich so kennen lernen, wie es für "uns" üblich ist und in Beziehungen sind, die auch wieder auseinander gehen.
Als uns die Mechanismen der "arrangierten Ehe" erklärt und beschrieben wurden, war ich positiv überrascht, denn im Grunde ist dieses System nichts anderes, als ein Hilfsmittel zur Partnersuche. In westlichen Kulturen greifen junge Menschen oft auf Dating-Apps zurück, wenn sie keinen geeigneten Partner kennen lernen konnten, hier übernimmt diese Funktion ein Netzwerk von unglaublich gut vernetzten Menschen. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt und plötzlich taucht dieser Partner auf, der vielleicht sogar gleich um die Ecke wohnt.
Wenn beide Partner hinter diesem Konzept stehen, die Entscheidung treffen zu heiraten und den Willen mitbringen dies alles durchzuziehen, wieso sollte so eine Ehe nicht glücklich sein? :)

Ich könnte noch mehr über Hochzeiten erzählen, aber da wir es leider nicht geschafft haben, auf einer indischen Hochzeit aufzutauchen, behalte ich mir dieses Thema für irgendwann später vor und gehe über zu dem nächsten:


Essen:

Ahhh ja! Essen gehört zu Indien, wie die heiligen Kühe auf der Straße. So unterschiedlich die Kulturen, Sprachen und Gegenden in Indien sind, so unterschiedlich sind auch die Gerichte. Das einzige, das immer gleich lecker bleibt, ist der leckere, süße Chai. Würzig, mit Milch und viel Zucker, kann man diesen an jeder Ecke und zu jeder Tageszeit frisch gekocht genießen. Traditionell bekommt man diesen in der Größe von Espresso-Portionen für 10 Rupien (~12 Cent). Ich brauchte nicht lange, um süchtig danach zu werden. ;)
Die größte Besonderheit der indischen Küche ist wohl das fleischlose Kochen. Indien ist das Land mit dem größten Anteil von Vegetariern in der Welt und dementsprechend wenig Fleisch gibt es. In Gegenden mit höheren Anteilen von Moslems gibt es dagegen auch öfter Fleisch auf den Speisekarten, natürlich alles halal.
Wenn eine Kultur seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden vegetarisch kocht und eine ganze Palette - für uns - exotischer Gewürze zur Verfügung hat, dann ist es kein Wunder, wenn daraus die leckerste Auswahl an Gerichten entsteht, die man sich denken kann. Wir waren im Himmel. Die besten Currys, Paneer (indischer Weichkäse) und alle Varianten von Roti / Naan (Brot).
Das was in Nepal "Dal Bhat" ist, wird hier "Thali" genannt und kann überall bestellt werden. Es ist oft das schnellste Essen, das man im Restaurant bekommen kann, da es immer vorrätig ist. Es besteht aus Reis, Brot, meist Kartoffelcurry, Dal (Linsensuppe), Gemüse und oft einer sahnigen Soße. Von Region zu Region ändert sich auch die Art des Thalis, was es immer wieder spannend machte, dieses Essen zu bestellen.





Und im Unterschied zu Nepal, gab es hier wieder eine reichhaltige Auswahl an Streetfood, das einfach zu Asien dazu gehört. Indien setzte allerdings noch mal einen drauf und wir ernährten uns oft von Samosas (Teigtaschen mit meistens Kartoffelfüllung). Es gab so viel unterschiedliches Essen, dass wir nicht alles ausprobieren konnte - oft war es auch schwer herauszufinden, was das Essen sein sollte oder aus was es bestand. Da half dann auch die Sprachbarriere nicht, denn die meisten Straßenverkäufer konnten für diese Gespräche nicht gut genug Englisch. Also einfach ausprobieren oder liegen lassen.

Irgendwann fiel uns auf, dass 90% der Wörter, die wir auf Hindi konnten, mit Essen zu tun hatten. Neben "Hallo" und "Danke" konnte ich irgendwann Kartoffel, Erbse, Linse, Spinat etc., was einem bei der Auswahl seines Currys im Restaurant sehr half. ;) Und natürlich unser Lieblingswort: Wasser - "pani".

Zur Not konnten wir allerdings immer noch googlen, denn wir hatten uns direkt am ersten Tag in Indien eine SIM-Karte besorgt.


Internet:

Wir hatten von mehreren anderen Reisenden gehört, dass es mitunter recht kompliziert sei an eine SIM-Karte zu kommen, aber uns half unser super netter Hotelbesitzer und so hatten wir direkt Internet.
Über die Konditionen mussten wir ein bisschen lachen. Man hatte nämlich JEDEN Tag 1,6GB Datenvolumen zur Verfügung und noch ein paar Extras. Für wenig Geld. ;) Als wir nach den ersten 30 Tagen unsere Karte wieder aufluden, schauten wir uns die Konditionen mal etwas genauer an und wenn man direkt für ein Jahr bezahlte, dann musste man heruntergerechnet auf einen Tag nicht einmal 10 Cent bezahlen. Die 56 Tage, die wir uns gönnten, kosteten auch nur ein paar Euro. Deutschland, nimm das!
Erstaunlicherweise war auch der Empfang fast überall echt gut. Flächendeckend 4G und sogar inmitten der Wüste und auf langen Bus- oder Zugfahrten durch dünn besiedelte Landstriche, konnte man gut im Internet surfen.

Interessant war noch, dass man im (kostenlosen) Roaming landete, sobald man den Staat verließ, in dem man die SIM Karte gekauft hatte. Als würde man in ein neues Land reisen..

Aber nun zur letzten Kategorie - irgendwie ist das hier schon wieder etwas ausgeartet. Sorry. :D


Verkehr:

Ich dachte Kathmandu oder Bangkok wären schlimm gewesen.. Ich habe mich noch nie so sehr geirrt bei etwas. Es war einfach nur ein komplettes Chaos auf den Straßen und das ständige Hupen sorgte für eine Lautstärke, die kaum noch erträglich war. Das war wirklich das einzige, das mich nachhaltig an Indien gestört hat. Alles andere kann ich irgendwie eine längere Zeit ertragen, aber das Hupen ging mir schon am ersten Tag auf die Nerven und ich gewöhnte mich auch nicht wirklich daran. Natürlich wurde man irgendwann "taub" und ignorierte das Hupen, denn die Roller- und TukTuk-Fahrer fuhren schon irgendwie an einem vorbei. Aber angenehm war es trotzdem nicht.
Hier gilt natürlich, wie überall in Asien, das Recht des Stärkeren, also hatten LKWs und Busse Vorfahrt, einfach weil sie es konnten.
Als Fußgänger lernten wir den geheimen Handwedler, mit dem man beim Straße Überqueren die Roller und Autos anhalten konnte, was die einzige Situation war, in der nicht gehupt wurde. Spannend. Aber auch notwendig, denn die wenigen Ampeln, die wir in den Städten fanden, funktionierten zu 90% gar nicht. Da war man an ein paar großen Straßen manchmal echt aufgeschmissen. Wir waren ein paar Mal kurz davor einen TukTuk-Fahrer heranzuwinken, einfach um uns auf die andere Straßenseite bringen zu lassen. Niemand hält sich nämlich an die vorgegebenen Spuren auf der Straße, so dass man nicht einmal stückchenweise - Spur für Spur - über die Straße gehen konnte, wie wir das in Myanmar so erfolgreich gemacht hatten. Also Augen zu und durch, wenn mal etwas weniger Verkehr war.



Wir unterhielten uns natürlich auch mit dem ein oder anderen TukTuk-Fahrer und einer von denen erzählte uns, dass 90% der Fahrer gar keinen Führerschein besäßen. Joa, gut. Aber macht ja auch nix, es gibt ja eh keine Regeln, die befolgt werden und wenn man von der Polizei erwischt wird, dann kann man angeben, dass man gut mit Gandhi befreundet ist. Da Gandhis Gesicht auf jedem Geldschein gedruckt ist, also nur ein Synonym für Bestechung. Funktioniert wohl ganz gut.
Aber eigentlich konnten die Leute alle recht gut fahren, will ja niemand sein TukTuk zu Schrott fahren, wenn man sich die Reparatur nicht leisten kann. Manchmal ging es um Zentimeter, aber passte immer irgendwie.



Ich könnte natürlich noch anfangen über Hinduismus und die vielen Götter zu berichten, aber das ganze System ist so unendlich komplex, dass ich da nicht einmal ansatzweise durchsteige. Ich weiß nur, dass Insas Lieblingsgott "Ganesha" ist, der Elefantengott, und ich aus irgendeinem Grund immer "Hanuman" cool fand, den Affengott.

Indien war ein spannendes Land, in dem ich so viele Erfahrungen machte, die man in Europa schwer machen kann und die ich nicht würde missen wollen. Und obwohl ich so viel geschrieben habe, sind das alles nur kurze Eindrücke von den zwei Monaten, die wir in diesem Land gelebt haben.

Samstag, 11. April 2020

Mumbai und Goa – die letzten Geschichten aus Indien

Weil die Welt sich so schnell dreht
Weil die Zeit so schnell vergeht
Kommst du nicht hinterher
Weil die Hektik sich nicht legt
Und du in der Masse untergehst
Bist du ein Tropfen im Meer

Doch du lebst länger als ein Leben lang
Du bist das womit alles begann

Denn du schreibst Geschichte
Mit jedem Schritt
Mit jedem Wort
Setzt du sie fort
Du schreibst Geschichte
An jedem Tag
Denn jetzt und hier
Bist du ein Teil von ihr

Madsen - Du schreibst Geschichte







Mumbai ist die größte Stadt Indiens, sogar noch mehrere Millionen Menschen „größer“ als Delhi und das muss einmal erwähnt werden, bevor ich anfange über diese Stadt zu erzählen. Mumbai ist so groß, dass es eine der bevölkerungsreichsten Städte und größten Metropolregionen der Welt ist. Halleluja.

Wir kamen also früh, früh morgens noch im Dunkeln in der Nähe eines Bahnhofs im Norden der Stadt an, laut Karte nur etwa 1,5km von unserem Hostel entfernt und so hatten wir beschlossen zu Fuß zu gehen. Als „Navigator“ starrte ich also müde auf den leuchtenden Bildschirm meines Handys und lief los. Merkwürdig gestrichelte Wege auf der Karte entpuppten sich als Fußwege, die oberhalb der Straßen verliefen und auch die Gleise des Bahnhofs überquerten. Und wir konnten diese hinter dem Bahnhof noch weiter nutzen und so dem Verkehr entgehen, auch wenn so früh morgens noch nicht so viel los war in der Stadt. Über den Straßen der Stadt mit den dunklen Silhouetten der Skyline vor einer sanft pastellfarbenen, aufgehenden Sonne, machte Mumbai einen wunderbar friedlichen ersten Eindruck.

Natürlich konnten wir noch nicht in unsere Betten einziehen und so chillten wir in einem Gemeinschaftsraum bis es spät genug war uns die Stadt anzuschauen. Das bevorzugte Transportmittel in Mumbai ist der Zug und deswegen hatte uns Insa auch ein Hostel in der Nähe eines Bahnhofes herausgesucht, von dem wir direkt runter auf die Halbinsel mit dem historischen Zentrum Mumbais fahren konnten. Fahrkarten kosteten gefühlt nichts und da es auch Frauenabteile gab, konnten wir entspannt in diese etwas leereren Waggons einsteigen.

Mumbai hat eine lange Kolonialgeschichte und interessanterweise den größten von Briten erbauten Bahnhof der Welt. Das gute Stück ist ein Teil des Weltkulturerbes und war unser erstes Ziel, da praktischerweise der Endbahnhof unserer Linie. Schon von innen machte das Gebäude einen tollen Eindruck, aber von außen war es ein Kunstwerk. Großartige Architektur, verspielte Türmchen, einfach ein tolles Gebäude und so liefen wir einmal um die Seitenflügel herum zu der Hauptfassade. Da kann man nichts sagen, das haben die Briten echt schön hinbekommen. ;)








Von dort bewegten wir uns zu Fuß durch die angrenzenden Stadtviertel, die noch mehr tolle Kolonialarchitektur zu bieten hatten. Das Universitätsgelände und das Gericht durften wir natürlich nicht betreten, aber schon von der Straße konnte man die tollen Gebäude bestaunen. Als wir an der Hauptstraße vor dem Gerichtsgebäude entlang gingen, bemerkten wir kleine Hütten in regelmäßigen Abständen auf dem Gehweg vor dem Zaun. Es waren kleine Wachtürmchen besetzt mit Sicherheitskräften mit Maschinengewehren. Die Mündungen der Waffen waren auf die Straße gerichtet und zwar in unangenehmer Höhe meines Kopfes. Ganz merkwürdiges Gefühl vor so einer Waffe lang zu laufen. Bei dem, ich glaube, dritten Häuschen schaute ich also wahnsinnig skeptisch auf die Waffe als ich vorbei ging, was dem wachhabenden Mann nicht entging. Ich vermute es ist an sich ein ziemlich langweiliger Job, denn normalerweise passiert ja den ganzen Tag nichts und so rief der Mann halblaut, als ich auf seiner Höhe war: "Pfft." (falls man es nicht herauslesen kann: das Geräusch, das eine Kugel macht, die irgendwo leise einschlägt). Insa und ich drehten uns etwas perplex um, er grinste und wir alle drei mussten lachten. War wahrscheinlich sein Highlight des Tages.






Wir gingen durch ein kleines Künstlerviertel, in dem sich auch eine recht bekannte Synagoge befand und ich war wieder einmal erstaunt, dass diese mit Absperrungen und Polizeipräsenz geschützt werden musste. Traurige Welt.
Ein schöne, weiße Kathedrale ragte dagegen ohne Schutz in den Himmel.
Mumbai hatte wirklich tolle Architektur und Geschichte und es war die einzige Stadt in Indien, in der es mir Spaß machte durch die Straßen zu schländern. Es gab Fußwege, funktionierende Ampeln (!!!!!) und an jeder Ecke etwas anderes zu sehen. Durch ein Verbot von TukTuks im südlichen Teil der Stadt, war auch der Verkehr nicht ganz so chaotisch, wie in anderen Städten Indiens. Wir hatten auch eine gute Jahreszeit erwischt, denn obwohl es warm war, war es noch nicht so heiß und stickig, wie es später im Jahr werden würde.



Und je näher wir dem Meer kamen, desto mehr nahm auch die leichte Brise zu, die uns schon hunderte Meter bevor wir das Wasser sehen konnten, den Geruch von Salzwasser in die Nasen trug. Und dann war das Meer da, das wir seit Monaten nicht mehr gesehen hatten. Wir hatten unsere Stadtwanderung auch - wie immer - wirklich gut getimed, so dass wir in der knallenden Mittagssonne an der schattenfreien, kilometerlangen Promenade zum Strand liefen. Aber wir schwitzen ja ganz gerne.. Dort konnte man sich dann immerhin entspannt in den Schatten setzen, etwas essen und als Nachtisch ein wunderbar leckeres Eis genießen.














Da wir beschlossen hatten, dass das für heute reichen würde, mit der Übernachtfahrt noch in den Knochen, fuhren wir von dort mit dem Zug wieder zurück nach Bandra, unserem Stadtteil.

Für den nächsten Tag hatten wir uns noch ein paar Highlights aufgespart. Das Gate von India und die dort ablegenden Fähren nach Elephanta Island in der Bucht von Mumbai. Dort lagen die Elephanta Caves, die auch ein Weltkulturerbe waren und somit automatisch auf unsere Must-See Liste rutschten.
Leider gab es absolut keine Elefanten auf Elephanta Island und auch die 5 Höhlen, die es dort gab, waren nach Ajanta und Ellora kaum atemberaubend. Nur die erste Höhle lohnte überhaupt den Besuch; sie war sehr groß, zu drei Seiten offen, eine Säulenhalle. In der Mitte ein Altar mit großen Statuen, die die Eingänge flankierten und an der einzigen geschlossenen Seite befand sich ein riesiges in Stein gehauenes Gesicht. Das war tatsächlich ganz cool.


Draußen liefen viel Affen herum, teilweise in Schach gehalten von den Hunden dort und so beobachteten wir noch Babyäffchen - sooo süß.


Die Rückfahrt auf der Fähre war sehr viel angenehmer als die Hinfahrt, bei der absolut kein Wind geweht hatte. Nun fuhren wir in angenehmen Temperaturen der untergehenden Sonne entgegen und erblickten nach einer halben Stunde Fahrt wieder das imposant am Meer stehende Gate von India.





An diesem Tag fuhren wir deutlich später mit dem Zug zurück in den Norden, wodurch die Abteile sehr viel voller waren. Wir stiegen in der ersten Station ein und bekamen schon keinen Sitzplatz mehr, also platzierten wir uns in der Nähe einer Tür. Man kennt ja die ganzen Fotos und Videos von vollkommen überfüllten Zügen, wo Menschen von außen an den Wägen hängen und Leute aus den Türöffnungen quillen. Bisher war uns in Indien nicht ein einziger solcher Züge begegnet, auch übervolle Busse waren nicht unbedingt die Regel und das obwohl wir nun schon zwei Monate in diesem Land reisten. Aber heute, heute war unser Glückstag. Volle Züge. Und falls jemand vergessen hat, dass es warm ist: Die besten Plätze sind an den Türen, da man dort zumindest Fahrtwind abbekommt, denn das ist die einzige Klimaanlage, die die Züge in Mumbai haben. Wir waren also mehrmals in den Zügen hier gewesen und bisher war es nie so voll gewesen, dass wir keinen Sitzplatz mehr bekommen hätten, aber trotzdem hingen immer Menschen an den Türen und lehnten sich heraus. Fahrtwind.
Heute jedoch war es voll. Kurz nach 18 Uhr und alle Menschen waren auf dem Weg nach Hause. Mit jeder Station wurde es etwas voller, doch als wir in unseren Bahnhof einfuhren, sahen wir schon einen mit Menschenmassen gefüllten Bahnsteig. Insa stand vor mir und sprang schon aus dem Zug, als dieser noch nicht ganz stand, ich musste aber noch die zwei Schritte hinter ihr nach vorne zur Tür machen, so dass mir plötzlich hunderte Menschen (grob geschätzt) entgegen drängten. Da ich nicht wieder in den Zug geschoben werden wollte, sprang ich einfach in die Masse, stolperte über irgendwelche Beine und schubste beim Fallen eine junge Frau nach hinten, die mich danach ziemlich böse anschaute. Ich hatte ihr jede Chance genommen sich noch in diesen Zug zu quetschen. Sie musste wie viele andere auf den nächsten warten. Aber hey, wahrscheinlich hätte sie es eh nicht geschafft, sie hat mich damit vor dem Hinfallen gerettet und für mich war es eine spannende Indienerfahrung. Lol.




Später las ich, dass auf der anderen Seite des Bandra-Bahnhofs das Finanzzentrum Indiens liegt. Dort arbeiten über 600.000 Menschen und die haben alle zu ähnlichen Zeiten Schluss. Deswegen warteten dort auch so unglaublich viele Menschen auf einen Zug. Wow, ich hätte ja keine große Lust diesen Kampf in den Zug zu kommen jeden Tag machen zu müssen.
Aber muss ich ja auch nicht. Puh.

Nach dieser spannenden Erfahrung neigte sich auch unsere Zeit in Mumbai nun dem Ende entgegen. Wir hatten wieder einen Nachtbus runter nach Goa gebucht, so dass uns noch ein Tag blieb, den wir in Bandra verbrachten, das auch einiges zu bieten hatte. Ein paar schöne katholische Kirchen, süße Häuser in einem Viertel, das gefühlt nur aus Bäckereien bestand und ein paar Häuser aus der Kolonialzeit.



In Bandra wohnen tendenziell auch viele Ausländer und reichere Inder, es war ein schönes Viertel. Dagegen gab es einen großen Kontrast zu der Gegend rund um den Bahnhof, die schon eher an einen Slum erinnerte. Wellblechdächer dominierten die Sicht und alles wirkte irgendwie chaotisch, bunt, und arm. Hier in der Nähe ist auch der Slum Mumbais, in den man als Tourist Touren machen kann, aber wir machten keine. Sicherlich gibt es Anbieter, die die Einnamen in die Entwicklung der Gemeinden dort stecken, aber ich bin kein großer Fan davon mir die Armut von Menschen aus einem Auto heraus anzuschauen und davon dann am besten noch Fotos zu machen.


Also spazierten wir lieber runter zum Meer, da auch Bandra am Wasser lag und liefen über Felsen, die Skyline im Dunst des Smogs vor uns.


Ich hätte es nicht gedacht, aber Mumbai hatte mir erstaunlich gut gefallen. Natürlich war es immer noch eine Stadt und eine verdammt große noch dazu, aber irgendwie hat die Stadtverwaltung (oder wer auch immer) es geschafft alles so weit zu ordnen, dass die Straßen nicht so voll und chaotisch sind wie in Delhi.

Und dann kamen wir am nächsten Mittag auch schon in Goa an. Goa besteht aus vielen kleinen Dörfern am Meer, hat tolle Strände und hat sich ein bisschen einen Ruf als Hippie-Hochburg gemacht. Partys am Strand, Technodiscos und tagsüber das warme Meer.
Da wir genau das nicht wollten, mussten wir ein bisschen mehr recherchieren (Insa machte ihren Job perfekt). ;) Insa bekam zunächst den Tipp von einem Strand an den nur Inder gehen, aber ich legte mein Veto ein. Ich wollte die letzten Tage genießen und entspannt schwimmen gehen und nicht angeglotzt werden, wenn ich im Bikini ins Wasser hüpfe. Also suchte Insa uns eine kleine Unterkunft an einem Strand ein paar Kilometer nördlich der Hippie-Strände heraus und dort war es perfekt! Vagator Beach.



Wir fanden direkt am ersten Tag das perfekte Restaurant am Strand, wo es auch Liegen mit Sonnenschirmen gab, die umsonst waren, wenn man dort etwas aß oder trank. Und das taten wir jeden Tag. Immer einen riesigen, frischen Obstsalat mit Eis und ab 17 Uhr war Cocktail-Happy Hour. Und weil man uns nach zwei Tagen dort kannte, wurde uns auch immer nett Bescheid gesagt, wenn die Happy Hour anfing. :D Das Essen war super lecker und billig dort, also bewegten wir uns dort quasi nicht weg. Schwimmen konnte man im warmen Wasser mit den netten Wellen auch gut und so paddelte ich immer, wenn mir zu warm wurde, eine Runde im Meer umher. Ich wurde allerdings trotzdem etwas schief angeschaut, da es sehr ungewöhnlich war, dass tatsächlich jemand schwamm. Alle anderen standen eher im Wasser herum und kühlten sich so ab. Weicheier. :P
Ich hatte mir dort noch einen neuen Bikini gekauft, weil mir mein alter doch etwas zu knapp war (allerdings liefen die ganzen russischen Mädels mit noch knapperen Teilen rum, ich hätte mir keine Gedanken machen brauchen) und ich dickes Kind etwas zugenommen hatte. Tja, das Essen war einfach zu lecker und mein Magen fasste noch die Mengen vom Wandern nach Nepal. Keine gute Kombination. :D




Außerdem kaufte ich eh alles, was die Strandverkäuferinnen einem andrehen wollten. Ich kann einfach nicht nein sagen. Immerhin handelte ich alles noch auf gefühlt ein Zehntel herunter, aber scheinbar war das immer noch zu viel gewesen, denn mein Plan mit dem absurd niedrigen Preis die Mädels zu verscheuchen, ging nicht auf und ich wurde mein Geld los. Also falls jemand 'ne Fußkette braucht, ich habe 387. Mindestens. Und ratet mal womit sie mich auch noch überzeugen wollten Zeug bei ihnen zu kaufen? Wenn ich heute etwas bei ihnen kaufen würde, dann würde ich die nächsten Tage in Ruhe gelassen werden.. Super Argument. Naja, immerhin die drei Damen, die mich gleichzeitig am ersten Tag bearbeitet hatten (echt fiese Nummer ;)) kamen nur ab und zu zum Reden vorbei. Allerdings hielten sich ein paar andere nicht an die Abmachung, von der sie ja gar nichts wussten. Aber ich überlebte.


Wir gingen noch an einem der Tage vormittags an die Nordspitze zu einem anderen Strand und versuchten von dort an der Küste entlang zu unserem Strand zu kommen, aber an einer Stelle gingen die Klippen bis zum Meer und so war dort kein Vorwärtskommen mehr für uns. Man hätte es bestimmt schaffen können, eigentlich musste man nur einmal 2m hinunter und dann war dort wieder Strand, aber an dieser Stelle brandeten die Wellen gegen den Fels, so dass der Stein permanent nass war und wir haben ja aus unseren Fehlern gelernt und gingen den langen Weg zurück.

An diesem Küstenabschnitt gab es viele Felsen aus einem Stein, der mich an Vulkangestein erinnerte. Fast schwarz und porös bot er wunderbaren Halt für Hände und Füße, so dass ich an einer Stelle ein wenig herumkletterte. Insa war damit beschäftigt süße Welpen zu bezirzen und zu füttern, die dort in einer Höhle am Strand lebten. Die Mama, die wir ein paar Minuten später fanden, war ziemlich abgemagert und bekam den Rest von Insas "Hundekeksen", die sie immer dabei hat, falls uns mal süße Hundis begegnen. :)






Wir sahen an diesem Tag mehrere kleine Strände und beschlossen, dass unserer immer noch am besten war.


Unser Flug war in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und wie es unser Reiseglück so wollte, gab es jeden Mittwoch einen großen Markt ein paar Kilometer südlich von unserem Ort. Da es ja auch der letzte Tag in Indien für mich war (Insa hatte vor noch einmal wieder zu kommen), beschloss ich dort also den Rest meines Geldes auszugeben. Woop woop. Wir stärkten uns in einer German Bakery mit leckerem Körnerbrötchen, Schokokuchen und dem einzigen Mangolassi, den wir in Indien hatten finden können (falsche Jahreszeit und zu weit nördlich) und dann ging es los. Souveniers, Klamotten und noch mehr Zeug. Das einzige, das ich nicht kaufte: Schmuck und einen Jumpsuit - die Teile sehen an mir einfach immer aus wie ein Schlafanzug.

Ich gab also mein ganzes Geld für tolle Sachen wie.. Steine aus. Wunderbar, mein Gepäck war ja noch nicht schwer genug und dem geschickten Verhandlungstalent des Verkäufers konnte ich nichts entgegen setzen: Er wollte mir das Rückgeld in Dingen von seinem Stand geben und das waren nunmal Steine. Aber hey, ich habe in Goa fast alleine die Wirtschaft am Laufen gehalten. Ich bin ein Held.




Den Rest des Tages chillten wir an unserem Strand, schauten uns noch einen letzten Sonnenuntergang an, tranken einen Abschiedscocktail (es gibt immer einen guten Grund für einen Cocktail) und gingen dann zurück, um zu packen und früh ins Bett zu gehen.





Ha! Unsere wunderbar ruhige Unterkunft teilte sich leider ein Grundstück mit einem Restaurant, in dem gefühlt nie jemand saß. Vielleicht waren sie also unglaublich gelangweilt oder sie hofften so Kundschaft anzulocken oder sie hassen einfach Menschen.. Auf jeden Fall veranstalteten sie an diesem Abend einen Techno Rave im Garten nur etwa 5m von unserem Zimmer entfernt. Da wir entspannt gegen 3 Uhr wieder aufstehen mussten, machte uns das gar nichts aus. Haha. Wer braucht schon Schlaf? Ich hatte davon in dieser Nacht etwa eine Stunde und so fuhren wir dann super frisch mitten in meiner Tiefschlafphase zum Flughafen. Dort hatten wir dann ein paar kleinere Probleme, denn man wollte uns ohne ausgedruckte Flugbuchungsbestätigung nicht in den Flughafen lassen. Indien hat den größten Knall der Welt. Also druckte uns das Fluglinienbüro die Email aus, womit wir endlich das Flughafengebäude betreten durften. Ich durfte dann noch meine Streichhölzer aus meinem großen Rucksack rauskramen, weil die nicht mitfliegen durften und schon waren wir eingecheckt. Hurra. Dummerweise hatte ich mal wieder mein Messer irgendwo in meinem Rucksack vergessen und nur, weil ich das nicht sehe, heißt das nicht, dass der Metalldetektor das nicht findet. Tschüß Messer, ich mochte dich wirklich gerne. Hab ein schönes Leben in Indien.

Von Goa nach Chennai flogen wir auf den billigsten Plätzen - also hintereinander auf den mittleren Sitzen. Rechts neben mir ein Typ mit Mundgeruch, der in meine Richtung gelehnt nach 5 Minuten einschlief und links neben mir ein anderer Typ, der auch nicht wahnsinnig viel Rücksicht nahm. Steigerte meine gute Laune ins Unermessliche.

Auf dem zweiten Flug von Chennai nach Colombo hatten wir eigentlich die gleichen Plätze, aber weil ein Paar neben uns auch hintereinander saß, durfte ich nach vorne neben Insa rutschen und bekam sogar den Fensterplatz! Und so verließ ich Indien über einer laut schnarrenden PTU eines älteren Airbus. Fühlt sich an wie Zuhause. *winkewinke*




Sonntag, 22. März 2020

Ich glaub ich werd zum Höhlenmenschen

We do not remember days, we remember moments. 

- Cesare Pavese


Aurangabad, Maharashtra.
Ajanta & Ellora.

Über schlechte Straßen ging es nach einer viel zu kurzen Nacht in den Norden, knapp 100km von Aurangabad entfernt. Somit über 3 Stunden Fahrt in einem klapprigen Bus. Man sagt ja oft einfach so "klappriger Bus", aber die hier klappern tatsächlich. Irgendwie sind es mehr so fahrende Blechhüllen mit lautem Motor, der es mit letzter Kraft aufjaulend einen Berg hoch schafft. Die Sitze sind irgendwie an dieser Hülle befestigt, aber das verschlissene Kunstleder wertet den Innenraum nicht wirklich auf. Manchmal waren etwas ausgeblichene, farbenfrohe Stoffe über die Sitze gezogen worden - ein Versuch war es wert.
Da es noch dunkel war, trieb der Fahrtwind kühle Luft durch die Fenster und mir war seit Tagen mal wieder einigermaßen kalt. Normalerweise dienen die Fenster als Klimaanlage, jetzt waren sie zwar zum Großteil geschlossen, aber halt nicht wirklich dicht.. Erst als die Sonne raus kam, wurde es angenehm.

Tagsüber war es dann wieder heiß und wir waren froh über jeden Schatten. Aber so früh am Morgen freute ich mich über die wärmenden Strahlen der Sonne.

Wir waren zu den Ajanta Caves gefahren, die ein Teil des Unesco Weltkukturerbes sind, mit ihren Schwester-Höhlen, die wir morgen besuchen wollten.
Die Ajanta-Höhlen, von denen es etwa 30 Stück gab, waren vor über 1500 Jahren von Buddhistischen Mönchen in den Fels geschnitten worden. Und zwar auf eine Weise, dass der Stein nur aus der massiven Bergwand herausgeschnitten wurde - jede Verzierung, jeder majestätisch sitzende Buddha, jede symmetrische Säule wurde somit geschnitzt ohne etwas hinzu zu fügen. 


Delikate Verzierungen, vor Sonne geschützte Wandmalereien, fast vollständig erhaltene Buddhastatuen, Säulenhallen, Klöster. Die Höhlen waren abwechslungsreich und angenehm kühl. Wir zogen am Anfang unsere Schuhe aus und gingen den Rest des Tages barfuß durch die Gegend, denn vor den Tempeln musste man seine Schuhe eh ausziehen. Insa fungierte als Guide und las uns die Besonderheiten der verschiedenen Höhlen vor. 

Eine unserer "wir bilden uns jetzt im Schatten"-Pausen


Einmal wollten wir in eine große Höhle rein gehen und mich irritierte ein merkwürdiges Summen. Ein Mann arbeitete vor dem Eingang und wies mich recht energisch an weiter zu gehen in die Höhle. Wegen der Bienen. 
Was? 
Ich lief also Insa hinterher, die schon in der Höhle war und merkte plötzlich, dass viele dunkle Punkte um mich herum schwirrten. Bienen. Und draußen direkt über dem Eingang in ein paar Metern Höhe war der riesige Bienenstock. Wirklich riesig. Das Teil summte wie verrückt. Und als wir wieder raus gingen - schnell weiter zur nächsten Höhle, wurden wir einige Male angetropft, als Bienen Nektar über uns verloren. Eine verrückte Erfahrung. 


Ein paar Affen chillten entspannt auf ein paar Mauern, wir genossen die Zeit dort. Zum Schluss gingen wir noch auf einen Aussichtspunkt im Inneren des U-förmigen Flussbogens. Ein Wasserfall war fleißig und langsam dabei den Canyon weiter zu formen und von hier konnte man perfekt sehen, wie die Höhlen in den Felsen des Canyons geschlagen worden waren. Ein Meisterwerk. 


Was für eine tolle Atmosphäre und ein paar orange gekleidete Mönche aus Thailand redeten noch kurz mit uns. Sie waren so glücklich als wir sie in thailändisch begrüßten und kurz vermisste ich die lächelnden, freundlichen Gesichter in Thailand. 


Am nächsten Tag schauten wir uns dann die Ellora Caves an, die nur etwa 25km von Aurangabad entfernt liegen und somit sehr schnell erreicht werden können. Sie sind zwischen 600 und 1000 nach Christus entstanden und damit jünger als die Ajanta-Höhlen. 
Wir konnten glücklich sein, dass wir diese Gruppe als zweites besucht haben, denn diese Höhlen legten noch mal einen drauf. Diesmal gab es Höhlentempel von Buddhisten (das waren die ältesten), Hinduisten (das waren die berühmtesten) und etwas abseits lag eine Gruppe von Jaintempeln (diese waren am schönsten verziert). 


Wir fingen rechts mit den ältesten buddhistischen Tempeln und Klöstern an. Sehr hübsch, aber auch sehr ähnlich zu den Höhlen vom Tag zuvor. Eine wunderschöne Höhle hatte eine Veranda und einen Innenhof und war zweistöckig. Dort erkundeten wir die Räume recht lange. 



Danach kamen weniger spannende Hallen, die von Außen ein bisschen an einen Plattenbau erinnerten. Wir machten ein unglaublich brillantes Video, aber leider ist es zu groß zum Hochladen, vielleicht packen wir es irgendwann auf Youtube. 


Nun kam endlich das Highlight, Tempel 16, der größte Hindutempel und, wenn man ihn kurz auf sich wirken lässt, definitiv ein Kandidat für die 7 Weltwunder. Macht da doch einfach 8 draus. Es ist der größte vollständig aus einem natürlichen Felsvorsprung herausgehauene Felsentempel Indiens (und diesen Satzabschnitt habe ich aus Wikipedia geklaut). Wenn man den englischen Artikel dazu liest, findet man in etwas poetischerer Sprache geschrieben, dass es einer der bemerkenswertesten Höhlentempel der Welt ist. Vielleicht verliert er nur gegen Petra? Aber ich schweife ab. 

Man kann kaum beschreiben wie unglaublich es sich anfühlt in einem Innenhof eines Tempels zu stehen, Bergwände umschließen den gesamten Komplex und jede einzelne Figur, Gottheit, Elefantenstatue oder hoch aufragende Säule ist aus dem selben Stück Felsen geschnitten. Und dann gehst durch diesen verzweigten Tempel mit Terrassen und Türmchen, schaust kurz in den allerheiligsten Raum, der Shiva gewidmet ist und bist vollkommen sprachlos. Die Verzierungen, die unglaubliche Handwerkskunst und Präzision sind kaum zu beschreiben, auch wenn gelegentlich Steine kaputt sind oder die Gesichter verwittert von den Jahren. 

Der Eingang zum Tempel

Die Sicht von oben in den nach oben offenen Kessel


Ich hoffe, dass Fotos das ein bisschen näher bringen können, denn dieser Tempel hat mich wirklich mit offenem Mund staunen lassen. Und das meine ich wortwörtlich. Ich stand da, habe mich um mich selbst gedreht und Steine angestarrt. :D

Ein kleiner Rundblick auf einer der oberen Terrassen

Danach machten wir erst einmal eine Pause, um dann die restlichen Tempel zu besichtigen. Nach dem doch recht vollen Tempel 16 war plötzlich alles leer. Manchmal noch eine andere Person, aber meistens waren wir alleine. Wir kletterten ein bisschen in der Gegend rum, denn die Höhlen waren nicht mehr direkt am Weg und verließen dabei aus Versehen den Pfad. Ich schwör, das war total sicher! :) Plötzlich waren wir recht weit oben und fanden klare Seen umgeben von eher rudimentären Höhlen. Die waren auf keiner Karte verzeichnet und hatten auch keine Nummer. Wie können wir schon wieder so großes Glück haben? Mehrere Seen auf hellem Stein, umgeben von dem dunklen, in den die Höhlen gegruben waren und wir waren ganz alleine. Das lud zum Verweilen ein. 


Als letztes mussten wir noch 2km zu den Jain-Tempeln laufen - natürlich in der Mittagshitze - die wir uns nur relativ kurz anschauten. Sie waren aber auch nah beisammen und nicht groß. Die Verzierungen waren aber wirklich schön, besser erhalten und aufwendiger. 


Es war ein langer Tag gewesen und uns war warm und trotzdem beschlossen wir nach einer kleinen Mahlzeit noch eine letzte Sehenswürdigkeit mitzunehmen. Auf dem Rückweg nach Aurangabad war auf etwa halber Strecke ein Fort auf einem Hügel erbaut, von dem man einen tollen Blick auf die Umgebung hatte. Es warb mit "aus einer Tolkien-Fantasy", also konnten wir das natürlich nicht weglassen. Die Mauern waren massiv und die eigentliche Festung schlau angelegt mit einem dunklen Tunnel als einzigem Zugang. Ansonsten gab es außer einem hohen, orangenen Turm, der dort irgendwie fehl am Platz wirkte, nicht viel, so dass wir oben in einem der Turmfenster saßen und bis kurz vor die Schließungszeit die Landschaft betrachteten und uns vom Wind abkühlen ließen. 


Wir haben schon ein schönes Leben. :) 

An diesem Abend ging es wiederum mit einem Nachtbus nach Mumbai an die Westküste. Raus aus dem Landesinneren und auf zu unserer vorletzten Station in Indien. Die Zeit raste unaufhörlich vorwärts und wir kamen kaum mit so viel passierte schon wieder.