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Samstag, 6. Februar 2021

...und plötzlich fühlt es sich an wie fliegen

 
You stand strong
In all your eternal glory
While people just pass by.
 
The howling storms circle your head
Broad wings of eagles reaching for the sky
For only you to see.
 
The snow brings quiet peace in winter
Silent tears growing to streams of melting ice
The water forms your face.
 
Untamable
Fractured mystery
Wild.

 

 

Wer hätte es gedacht, ein letzter Blog steht noch aus über die letzten Tage in Chamonix. Ihr müsst also noch einmal Berge ertragen und meine langatmigen Lobpreisungen dazu. :P Oh, und Fotos natürlich, die werde ich euch auch vor die Nase halten… als wären die Berge mein süßes, für andere ein wenig hässliches, neugeborenes Baby. Ich habe versucht mich zurückzuhalten, auch wenn Mark meinte ich solle einfach alle nehmen - danke für die Hilfe. Nicht. :P

Also viel Spaß! :D :)

 

03. September 2020: Nach dem ganzen Faulenzen in Italien nutzten wir den ersten Tag zurück in Frankreich für eine nette Wanderung. Das Wetter war perfekt mit wunderbarem, spätsommerlichem Sonnenschein und so fuhren wir zu einem kurz vor dem Mont-Blanc-Tunnel gelegenen kleinen Wanderparkplatz direkt am Hang der Berge. Von hier hätte man auch in wenigen Minuten den Wasserfall erreichen können, wir wandten uns jedoch in Richtung der Berge. Es würde auf der linken Seite des Glacier des Bossons steil bergauf gehen zu einer alten, verlassenen Liftstation auf etwa 2.400m, der Gare des Glaciers. Vom Parkplatz waren es recht kurze 4,5 Kilometer, wobei wir aber über 1.100 Höhenmeter machen mussten.

Jeder normale Mensch wäre vormittags aufgebrochen, wir schliefen aus und gingen mittags los. Was für ein Leben. Zunächst durch schöne Wälder ging es auf schmalen Pfaden immer weiter nach oben. Rot leuchtende Pilze wuchsen neben dem Weg und manchmal öffneten sich die Bäume zu erstklassigen Aussichten auf die Berge, den Gletscher und das Tal. Schatten im Wald und in der Höhe dann wärmende Sonnenstrahlen im offenen Gelände. Was für ein toller Tag! Ich ging gemütlich voran, denn Mark hatte sich mal wieder verrückte Mengen an Gewicht auf den Rücken geschnallt und so kletterte ich manchmal auf den Resten der Fundamente des Lifts herum, während ich darauf wartete, dass er aufschloss.

Wir begegneten keinem einzigen anderen Wanderer und es sah auch nicht so aus, als wäre seit dem letzten Regen jemand hier langgekommen. Keine Spuren in der Erde und ein Haufen Spinnenweben, in die ich hineinlief. Yay.

 

Gletscher und Aussichten und warmer Sonnenschein

 

Wir kamen schnell voran, wohl weil wir beide echt froh waren uns nach den ganzen gammligen Tagen wieder bewegen zu können und so kamen wir nach etwa 2,5 Stunden bei den verlassenen Gebäuden der Liftstation an und erkundeten die Ruinen. Über uns ragte der Midi in das perfekte Blau des Himmels und rechts daneben erstreckten sich die weißen Gletscher bis zum Gipfel des Mont Blanc. Kann man sich eine schönere Kulisse für eine Gummibärchenpause vorstellen? Es war so ruhig und friedlich dort, dass ich gerne dort gecampt hätte – vielleicht wann anders.

 


Auf dem Weg hinab telefonierte Mark mit einem Guide, den er von früher kannte und der möglicherweise Zeit hatte mit uns in den nächsten Tagen ein kleines Abenteuer zu machen. Ich drückte uns ganz doll die Daumen, dass es diesmal klappen würde. Abends belohnten wir uns dann mit selbstgemachten Fajitas, Marks Spezialität. :P

 

Der nächste Tag wurde entspannter, denn Mark fuhr zum Arbeiten ins Büro und ich schlief erstmal aus. Dann kümmerte ich mich um die Wäsche und machte die Wohnung sauber. Wo ist denn hier der Roomservice? Abends trafen wir uns in Chamonix mit ein paar von den anderen und zogen dann noch einmal weiter zu einer völlig überfüllten Bar, bei der man sich von „Straßenköchen“ indische Pommes und Spieße braten lassen konnte. Erstaunlich lecker. Wir saßen auf schmalen Bänken zusammengedrängt an einem winzigen Tisch draußen und versuchten zu essen, ohne dabei den Nebenmann mit den Ellenbogen aufzuspießen. Ich saß immerhin am Rand und James neben mir konnte sich eh kaum bewegen, da sein linker Arm in einer Schlinge steckte. Es war die lustigste Runde, die ich hier bisher gehabt hatte, so dass ich irgendwann starke Bauchschmerzen vom Lachen hatte. Wir verabredeten uns mit dem spaßigen Kern der Gruppe für den nächsten Tag zum Frühstück und dann trafen wir noch andere alte Bekannte wieder, mit denen wir uns zu einem Spielabend verabredeten. Keine Ahnung was diese Bar gemacht hatte, dass einfach alle dort früher oder später landeten, aber immerhin braucht man so keine WhatsApp-Gruppen, um irgendwas zu besprechen.

 

Sonnenuntergangsaussichten auf den Mont Blanc

Und so waren wir am nächsten Morgen pünktlich um 10 Uhr im MBC und mussten noch auf die anderen drei warten. Ich bestellte schon mal eine ziemlich geniale Heiße Schokolade mit Sahne und als James mit Liz und George reinspaziert kam, musste er direkt auch eine bestellen. Er bereute es nicht. ;) Das Frühstück war super lecker und so konnten wir danach entspannt mit George durch die volle Stadt schlendern. Es war Saisonende und die ganze Stadt hatte einen Sale mit echt guten Rabatten. Bei den ganzen Markenoutdoorläden, die aneinandergereiht die Innenstadt schmückten, konnte man gut Geld ausgeben. Oder ganz viel sparen, wenn man zwar glücklich durch alle Läden spazierte, aber nichts kaufte. Ich spielte allerdings Kaufberatung für Mark. Es war sonnig und voll. Natürlich. Alle lieben Schnäppchen. 

George ging dann irgendwann nach Hause, denn er hatte schon vor dem Frühstück was bei Patagonia gekauft. Aber weil er der liebste Mensch ist, versprach er mir noch seinen Eispickel, Schlafsackinlet und Handschuhe für die Tour in die Berge auszuleihen. :) Wir hatten nämlich die Bestätigung bekommen, dass es klappen würde: Morgen würde es losgehen! Ich lieh mir noch Schuhe und Steigeisen in dem gleichen Laden wie letztes Mal aus, was das Ganze sehr einfach machte, denn ich konnte einfach sagen, dass ich die gleichen Schuhe wie schon einmal wollte, so entfiel das Anprobieren und Schuhe testen.

Abends trafen wir uns dann mit Will, unserem Guide für die nächsten zwei Tage, um ihn schon mal kennenzulernen und fuhren nach einer Stunde weiter ins MBC, wo wir mit Harry und Lucy verabredet waren. Wer die beiden Namen nicht so ganz zuordnen kann: Harry und Lucy sind Teil der coolen Machapuchre-Basecamp (MBC)- und Pokhara-Gruppe aus Nepal und ich konnte noch gar nicht so richtig glauben, dass wir uns alle hier in den Bergen eines anderen Kontinentes wiedertrafen. Harry erzählte uns alles über seine Keto-Ernährung und Lucy machte durch Augenrollen deutlich, dass sie dies schon 200-mal gehört hatte. Hach, ich hatte die Streitereien der beiden vermisst.

 

06. & 07. September 2020: Aiguille d’Entrèves (3.604m) & Dent du Gèant (4.013m)

 

Roter Pfeil: Rifugio Torino. Aiguille d’Entrèves nach links, Dent du Gèant nach rechts


Will holte uns um 9 Uhr am nächsten Morgen ab und ich hätte vielleicht etwas mehr als nur Mango frühstücken sollen, aber hinterher ist man ja immer schlauer. Der Weg war bekannt, denn wir fuhren wieder durch den Mont-Blanc-Tunnel rüber auf die italienische Seite des Mont-Blanc-Massivs und dort mit dem Lift und der sich drehenden Gondel - 360°-Blick auf die Berge und das Tal - hoch zur Rifugio Torino auf 3.375m. Hier würden wir die Nacht verbringen, so dass wir schon mal das meiste unseres Gepäcks dort lassen konnten.

Und dann ging es auch schon los: Rein in die Klettergurte, Schuhe an, Steigeisen in die Hand und raus auf den Gletscher. Ich wurde wieder in die Mitte genommen und angeseilt. Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, das sich noch nicht selbst anziehen kann, weil Will meine Knoten festmachte und ich etwas planlos währenddessen in der Gegend herumstarrte. Aber im Zweifel will ich lieber in seinen Knoten fallen als in meinen. :D

Wir folgten dem ausgetretenen Pfad in Richtung „Midi“ und bogen dann links ab. Es ging etwas länger über die Gletscher als beim letzten Mal und an zwei Stellen musste man über Gletscherspalten hüpfen, was Will ohne ein Reduzieren der Geschwindigkeit machte – ich glaube ihm fiel das nicht mal auf – und somit blieb mir nichts anderes übrig als genauso schnell über die Lücke im Eis zu springen. Wenn man keine Zeit hat nachzudenken, ist es auch gar nicht schlimm. Will ging ohnehin ziemlich flott, so dass ich mich nur darauf konzentrierte nicht über meine eigenen Füße zu stolpern und das Seil locker hängen zu lassen.

 

Auf dem Weg zur Aiguille d’Entrèves


Als wir am Einstieg in die Kletterroute der Aiguille d’Entrèves ankamen, hatte ich endlich mal Zeit durchzuatmen und mich umzuschauen. Wir standen in einer grauen Wolkensuppe und nur einmal waren die Wolken aufgebrochen, um einzig die Spitze des Dent du Gèant zu enthüllen. Ein magischer und flüchtiger Bergmoment. Die Wolken bedeuteten, dass wir wohl keine schönen Aussichten haben würden, aber heute war eigentlich primär ein Testlauf für den morgigen Tag, deswegen war es nicht so tragisch. Will wollte heute unsere Kletterfähigkeiten einschätzen, um zu entscheiden, ob wir morgen den Dent angehen würden oder doch lieber etwas anderes machen würden.

Es ging mit leichtem Kraxeln los und wir kamen gut voran. Dann kamen ein paar Abschnitte, in denen tatsächlich geklettert werden musste: Eine Art Kamin mit zwei glatten Wänden hatte es in sich. Man musste sich mit den Füßen rechts und links abstützen und hochstemmen, was auf über 3.000m gar nicht so einfach ist. Die drei oder vier etwas kniffeligeren Stellen schafften wir jedoch ohne Hilfe und so ging es danach nur noch auf dem Grat entlang. Dieser Teil war nicht mehr so anspruchsvoll, aber trotz der Wolken sollte man schwindelfrei sein, denn es ging steil bergab und du versucht da oben über ungerade Felsen zu hüpfen. Es machte Spaß! Den tatsächlichen Gipfel auf 3.600m hätte ich komplett verpasst, wenn Will nicht stehen geblieben wäre, um ein Foto von uns zu machen.

 

Gipfel der Aiguille d’Entrèves (3.604m)

 

Heute lernte ich zwei neue Dinge, die mir morgen hoffentlich etwas Sicherheit geben würden: Das Klettern auf dem Felsen mit Steigeisen unter den Schuhen – was für ein merkwürdiges Gefühl – und das Heruntergehen auf einem Schneefeld, das so steil war, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich dort nicht hinunterfallen würde. Ich saß quasi auf meinem Hintern und streckte vorsichtig ein Bein nach dem anderen nach unten und merkte erst am Ende, dass ich durch die Steigeisen wie ein Gecko diesen steilen Hang einfach hinabgehen konnte. Spannend! Mein Gehirn hatte Schwierigkeiten diesen Fakt zu verarbeiten.

Auf der anderen Seite des Kamms ging es hinab auf den Gletscher, so dass wir auf diesem den gleichen Weg wieder zurück mussten plus ein paar hundert Meter, die wir auf dem Felsen zurückgelegt hatten. Es ging bergauf und Will rannte einfach los... Das war keine normale Geschwindigkeit mehr – nicht mal für jemanden mit längeren Beinen als ich. Nicht mehr heilig. Absolut nicht witzig. Rennen wir halt einen Gletscher auf über 3.000m hoch. In Steigeisen. Warum nicht? Meine Lunge braucht ja auch keine Luft. Meine Muskeln auch nicht. Alles kein Problem.

Es wurde der anstrengendste Teil des Tages und natürlich hatten wir keinerlei Zeitdruck, außer vielleicht unseren Hunger… aber nach einer Pause zu rufen, lässt sich leider nicht mit meinem Stolz vereinbaren und so hechelte ich hinterher. Man könnte denken, dass es ziemlich still ist, wenn man sich über einen Gletscher bewegt, aber die Schritte, die man macht, sind tatsächlich recht laut. Knirschen und Knacken im Schnee und Eis, so dass man eigentlich nur sich selbst hört. Na immerhin hörte so niemand mein angestrengtes Schnaufen. Ansonsten ist es eine tolle Landschaft, besonders bei Windstille: vollkommen ruhig, Geräusche werden vom Schnee geschluckt, kein Verkehrslärm, keine Menschen und klare Winterluft sogar im Sommer. Wir hörten jedoch auch das laute Krachen von herabfallenden Felsbrocken von der Felswand uns gegenüber und man fühlte sich unendlich unbedeutend. Schwarze Felsen wie Fremdkörper auf dem weißen Schnee. Die Natur war hier so rau und ursprünglich, dass Menschen gar keinen Platz zu haben schienen.

 

Ziel für morgen!

Endlich kamen wir bei der Hütte an und Will meinte entspannt, dass wir eine gute Zeit gemacht hätten. Das will ich verdammt auch mal hoffen, so wie mein Körper gerade gestorben ist! Er teilte uns außerdem mit, dass er uns für fit und fähig genug hielt den Dent zu besteigen. Yeah! Ego-Boost.

Es gab leckere Lasagne und ich fiel komplett ausgehungert über mein Stück her, schaffte es aber nicht ganz, worüber Mark nicht traurig war. Wir konnten dann in unser Zimmer ziehen, das wir aus Coronagründen für uns vier alleine hatten, obwohl 8 Leute reingepasst hätten. Mittlerweile war es wunderbar sonnig und so ging ich noch ein wenig in meinen Flip Flops raus auf die Terrasse und genoss die Aussichten auf die Berge.

 


 

Nach einem kurzen Mittagsschläfchen ging ich runter in den Aufenthaltsbereich, wo ich Will fand, der mit einem Mädel quatschte, Lou. Lou war Aspirantin, also in Ausbildung als Bergführer und würde morgen unser zweiter Guide sein, denn wenn man auf den Dent steigt, muss man pro hilflosem Küken einen Guide haben, also eins zu eins Führung. Zu dritt an einem Seil, wie wir das heute gemacht hatten, ist seit ein paar Jahren verboten. Lou sieht gar nicht so krass sportlich aus, wie zum Beispiel Will, der einfach keinen Gramm Fett an seinem Körper hat, und das machte sie sehr sympathisch.

Abends gab es dann für alle, die in der Hütte schliefen, das gleiche Essen ausgeteilt, was erstaunlich lecker war. Ich aß restlos alles auf – hoffe die anderen wurden auch satt, wenn ich schon alles weg mampfte. Ich versuchte auch möglichst viel Wasser zu trinken, denn ich spürte die Höhe mit leichten Kopfschmerzen, aber es war nicht so schlimm, dass ich mir Gedanken machen müsste. Noch ein letzter Blick auf den bunt gefärbten Abendhimmel, dann ging es bald schon ins Bett, denn wir würden nicht allzu lange schlafen.

 

Es überraschte mich wenig, dass ich zweimal das Blink182-Album durchhörte und dann immer noch nicht schlafen konnte. Höhe scheint mein Bedürfnis zu schlafen einfach auszuschalten. Frühstück gab es um 5 Uhr und mich störte der Wecker absolut nicht, denn ich war schon oder immer noch wach. Auch okay. Mark und ich kamen dann jedoch zu spät zum Frühstück, weil wir es irgendwie schafften uns auszusperren, nachdem wir unseren Kram in den „Gear Room“ gebracht hatten. Wir wandelten bei völliger Dunkelheit draußen über gefrorenen Boden, winkten Will und Lou durch ein Fenster zu und versuchten durch eine andere Tür wieder reinzukommen, was uns im Endeffekt nichts brachte, außer dass uns kalt wurde. Naja, es stellte sich heraus, dass wir zu blöd gewesen waren die Tür zum Treppenhaus wieder zu finden (sie war gar nicht verschlossen) und damit wäre dann wohl auch abschließend geklärt, dass wir beide keine Morgenmenschen sind. :D Das Frühstück war nicht mega Gourmet, aber irgendeine komische Eingebung ließ mich alles aufessen, verflucht sei sie. Mein randvoller Magen würde mich noch die nächsten Stunden beschäftigen. Wie man es macht, macht man es falsch. :D

 

Draußen wirkte die Schwärze um uns herum noch kälter als wir unsere Steigeisen anlegten und erst jetzt gab Will bekannt wer mit wem klettern würde: er mit mir und Lou mit Mark.

Will und ich gingen schon vor, weil die anderen beiden noch mit ihrem Seil beschäftigt waren – zwei kleine Lichtkegel im Dunkel der Nacht, die den Schnee vor den Füßen erhellen. Verglichen mit gestern schlichen wir nur so voran und ließen die anderen beiden aufholen. Wir folgten dem Weg in Richtung Aiguilles Marbrèes, ließen die dunkle Felswand rechts liegen und stiegen nun zu dem Teil des Dent du Gèant auf, der aus dem Schnee herausragte. Ich hechelte schon nach kurzer Zeit.

Dann ging es hinauf auf den Felsen und hier fing meine Qual erst richtig an. Ich fühlte mich immer noch nicht wahnsinnig sicher mit Steigeisen auf Steinen herumzulaufen, denn die punktuellen Spitzen unter den Sohlen ließen die Füße mit jedem Schritt auf den Unebenheiten in andere Richtungen wegknicken. Es ging aber irgendwie. Will legte jedoch wieder ein irres Tempo vor und nach kurzer Zeit fingen meine Oberschenkel an zu brennen, mir wurde übel von der Anstrengung und ich bereute das Frühstück mit jedem Atom meines Körpers. Ich litt. Meine Lunge brannte von den rasselnden Atemzügen und der Hoffnung Sauerstoff in meinen Körper zu ziehen. Ich führte bei jedem Schritt innerlich eine Debatte mit mir selbst, ob ich nicht nur nach einer Pause fragen sollte, sondern ob komplett umzudrehen nicht die bessere Wahl wäre. Wir hatten noch nicht einmal wirklich angefangen, wie sollte das denn später werden? Das hier war noch der „leichte“ Teil. Ich zweifelte an mir selbst.

Wir kraxelten auf einem kleinen Grat entlang, als mir auffiel, dass mittlerweile ein leichter hellgrauer Dunst am Horizont die Berge um mich herum erhellte. Im Osten war ein rosa Schleier zu erkennen. Achja, dafür machte ich das hier doch, oder?

 

Lou und Mark kurz vor dem Start der Kletterstrecke

Kurz darauf kamen wir nach etwa 1,5 Stunden bergauf hüpfen an der Steilwand an, die den Beginn des eigentlichen Kletterns markiert. Wir umrundeten eine Kante und plötzlich traf mich ein eisiger Wind im Gesicht und ich zog mir schnell alles an Klamotten über, was ich dabeihatte. Leider musste ich meine Handschuhe ausziehen, um aus meinen Steigeisen herauszukommen und danach war das Gefühl in meinen Fingern weg. Wundervoll. Meine Zehen wurden in den Schuhen auch langsam kalt, es machte keinen Spaß mehr. Ich zitterte am ganzen Körper. Wäre meine Laune etwas besser gewesen, hätte ich die glatten hunderten Meter der steilen Felswand über mir bestaunt, so hatte ich einfach nur noch Angst. Blanker Felsen, die Westflanke des „Zahns“ ragte majestätisch in den sich langsam erhellenden Himmel und schien mich zu verhöhnen. Wie bitte sollte ich da hinaufkommen? Wie?

Da wir auf eine andere Gruppe aufgelaufen waren, mussten wir warten, bis wir endlich starten konnten. Eisige Minuten im Schatten und Wind, denn da wir auf der Westseite klettern würden, würde sich die Sonne bis zum Ende nicht wirklich zeigen.

 

 

Und dann ging es los. Will würde vorangehen, also war ich zwangsläufig die zweite: 8 oder 9 Pitches, also Seillängen, bis nach oben. Es gab ein dickes Tau, das fast auf der gesamten Strecke als Kletterhilfe angebracht war, denn ohne das Tau wäre diese Route für nicht professionelle Kletterer nicht machbar. Beruhigend. Hust. Schon im ersten Pitch hatte ich große Probleme, obwohl es nur um eine Kante herum ging und dann ein kleines Stück nach oben. Doch ich fühlte meine Finger wegen der Kälte nicht mehr und konnte somit das Seil nicht greifen. Ich war kurz vorm Verzweifeln. Technisch war das kein schwieriges Klettern, aber ohne Finger kaum machbar. Ich wünschte mir mein Übelkeitsgefühl zurück, wenn ich dafür wieder warme Hände bekommen könnte. Endlich erreichte ich Will und erzählte ihm von meinem Problem und er gab mir einen lebensrettenden Tipp: Finger ausstrecken und so schnell wie möglich nach unten Schleudern, so drückte ich das warme Blut zurück in die Spitzen. Mit einem leichten Kribbeln kündigte sich mein Gefühl allmählich wieder an. Oh, Wunder und Hoffnung! Jede Sekunde, die ich nun Zeit hatte, würde ich wie ein merkwürdiger Puppenspieler in der Gegend herumfuchteln.

 

Blick nach oben (ich bin einer von den 2 mittleren Punkten)

Es ging stetig bergauf. Immer ging Will vorweg, wobei ich ihn bis auf bei zwei Pitches sichern musste, was bedeutete, dass ich auch in meiner Kletterpause wie wild mit meinen Armen rotierte, um das immer schwerer werdende Seil an ihn nachzugeben. Mein Atem beruhigte sich nicht mehr. War Will angekommen, sicherte er sich innerhalb von Sekunden am Felsen, zog das Seil straff und ließ mich wissen, dass ich mich nun von meinem Ankerpunkt abschnallen und zu klettern anfangen konnte. Immerhin war dieser Teil sehr schnell Routine.

Manche der Abschnitte bereiteten mir kaum Mühe, unter anderem auch der, von dem Will meinte, dass es der schwerste Teil wäre. Man durchquerte eine glatte Wandstelle mehrere Meter ohne wirkliche Tritte bei der man vorsichtig Balancieren musste, aber das war auch beim Bouldern schon immer meine Stärke gewesen. Damit kam ich klar. Aber dann verließen mich an drei bis vier Stellen meine Kräfte. Man musste sich quasi am Seil hochhangeln mit ein wenig Unterstützung der Füße und ich hatte einfach keine Kraft mehr in meinen Unterarmen. Wir waren nun knapp unter der 4.000m-Grenze und das Klettern hatte seinen Preis. Ich versuchte das Tau zu greifen, doch nach weniger als einer Sekunde rutschten meine Hände schon ohne mein Zutun ab, ich hatte keine Chance. Ich baumelte in meinem Klettergurt, versuchte meine Arme zu entspannen und zumindest ein wenig Kraft zurück zu bekommen. Unter mir hunderte Meter freier Fall, aber daran dachte nur der kleinste Teil meines Gehirns. Will sicherte mich so eng, dass er mich bei jeder noch so kleinen Anstrengung meinerseits ein Stück höher zog, so dass ich es irgendwie durch diese Stellen schaffte. Als hätte ich einen Autounfall gehabt, konnte ich mich später nicht mehr richtig daran erinnern, ich war körperlich ziemlich am Ende.

Irgendwo zwischen Pitch 3 und 4 hatten wir die Gruppe vor uns überholt - Will rannte offensichtlich auch noch am Felsen den Berg hinauf – und somit kamen wir als erste am kleineren Gipfel an. Hier wurde es noch einmal spannend, denn man musste sich nun rückwärts an einer wirklich gruseligen Stelle an einem Seil herablassen und dabei einen großen Schritt über eine Spalte machen. Ich schaute nicht hinab. Wenn das Gehirn nicht weiß, dass du dich gefühlt gerade umbringst, dann kann es auch nicht in Panik geraten, oder?

 

Mark auf dem kleineren der beiden Gipfel kurz vor dem Ziel

Wir waren nun zwischen den beiden Zacken, die dem Dent du Gèant sein charakteristisches Bild eines Riesenzahns verliehen und somit so gut wie da. Nur noch ein kurzes Stück auf den eigentlichen Gipfel und dann war ich oben. Will wurde umarmt und ich dankte ihm tausendmal, dass er mich hier hinaufgeschleppt hatte. Als perfekter Gentleman meinte er, dass ich das selbst geschafft hätte und dass es eine tolle Leistung gewesen ist, aber hätte er mich nicht an den paar Stellen quasi am Seil hinaufgezogen, würde ich vermutlich immer noch irgendwo an der Wand hängen und überlegen dort nun einfach zu wohnen.

Der Gipfel war nur ein paar Meter lang, aber man konnte sich erstaunlich bequem in eine Spalte hineinsetzen, die auch noch windgeschützt war. Sonne flutete auf uns herab und ich kam mir vor wie im Himmel. Erstmal ankommen und realisieren, dass ich es geschafft hatte. Ich war wirklich hier oben auf knapp über 4.000m. Was für ein wahnsinniges Glücksgefühl!

 

Erstmal Füße hochlegen...

Der tiefblaue Himmel erstreckte sich zu allen Seiten, der nächste Gipfel war weit weg, wir schwebten in der kalten, klaren Luft, wie der Horst eines Adlers. Steilwände wie die Mauern eines Turms, unten schneeweiße Gletscher und schwarze Felsen. Der Mont Blanc sah nie näher aus und war doch so weit weg, die Grand Jorasses ragten auf unserer anderen Seite auf, überblickt von der Marienstatue, die mit uns den Gipfel teilte. Es war so ein perfekter Ort, dass man fast anfangen könnte an Gott zu glauben.

Marias Kopf war ein wenig angeschmolzen… Blitzschläge. Wie verrückt es hier oben bei einem Gewitter sein musste.

 



 
Will und ich mit der Marienstatue

Endlich hatte ich ein bisschen Zeit für Fotos und Videos, denn Lou und Mark waren etwa 45 Minuten hinter uns. Erst als wir wieder Zuhause waren, machte ich mir darüber Gedanken. Will war so schnell hinaufgeklettert und hatte mich dadurch zu einem ähnlichen Tempo gezwungen, dass ich vielleicht mit mehr Pausen und längeren Ruhezeiten die kniffeligen Stellen auch ohne Hilfe geschafft hätte. Ich hatte aber nicht ein einziges Mal wirklich Luft schnappen können. Es war aber auch egal, denn langsam stellte sich bei mir auch der Stolz ein. Ich hatte nie in meinem Leben etwas Vergleichbares gemacht und ich war wirklich über mich hinausgewachsen. Die andere Gruppe, die wir überholt hatten, kam irgendwann an, teilte Gipfel-Schokolade mit uns und dann waren wir wieder allein. Ein paar erhabene Minuten in perfekter Stille. Gab es noch andere Menschen außer uns auf dieser Welt?

Als Lou und Mark endlich den Gipfel erreichten, war Will schon wieder gedanklich am Aufbrechen. Mark hatte rote Flecken auf seiner dunklen Hose und sich ordentlich das Knie blutig geklettert. Ich würde nur einen Haufen blaue Flecken zurückbringen. Wir machten noch ein Gipfelfoto und dann ging es auch schon wieder zurück. 

 

Einmal glücklich aussehen für das Gipfelfoto, bitte!

In meiner ganzen Euphorie hatte ich komplett vergessen, dass ich die ganze Strecke ja auch wieder zurückgehen musste. Damit es sogar noch schneller ging, ließ mich Will einfach am Seil bis zu der Stelle zwischen den Gipfeln hinunter, anstatt mich klettern zu lassen. Er kam dann flink hinterher und brachte das Seil für unsere erste Strecke Abseilen an. Wir würden keinen Prusik benutzen, sondern ein doppeltes Seil, an dem ich mich einfach herablassen sollte. Will würde meine Sicherung sein, also vertraute ich ihm. Er ging vor und verschwand innerhalb von Sekunden aus meiner Sicht. Dann rief er mir zu, dass ich ihm folgen sollte. Nun wurde mir doch etwas mulmig im Magen. Ich drückte die Füße gegen den Felsen und lehnte mich nach hinten in das Seil. Steiler Felsen und unter mir hunderte Meter Luft, dann löste ich vorsichtig meinen festen Griff um das Seil und es fing an durch mein Sicherungsgerät zu gleiten. Ich bewegte mich nach unten.

Die erste Seillänge war noch etwas ruckelig, da ich noch austesten musste wie viel ich nachgeben musste, damit das Seil gleichmäßig durch meine Hände glitt, aber danach wurde ich schneller. Und dann kam der Spaß dazu. Je schneller ich das Seil gleiten ließ, desto mehr fühlte es sich an wie fliegen, ich drückte mich leicht mit den Füßen von der Wand ab, dann landete ich wieder etwas weiter unten an ihr. Was für ein einmaliges Gefühl! Ich schaute hinunter und fühlte mich sicher. Sollte das Seil oder mein Klettergurt reißen wäre ich natürlich tot, aber ich vertraute dem Equipment und genoss das unglaubliche Gefühl durch die Sonnenstrahlen zu schweben.

Nach 5 oder 6 Seillängen und gefühlt nur wenigen Minuten kamen wir auf dem gerölligen Fuß des Dent an und suchten unsere unten liegen gelassenen Steigeisen und Eispickel wieder zusammen. Natürlich lagen sie auf der anderen Seite einer völlig vereisten Stelle, die wir auf unseren Schuhen ohne Steigeisen überqueren mussten. Kann ich bitte lieber noch mal fliegen? Wir brachten Lous und Marks Sachen mit und warteten in den grauen Schatten am Fuß des Berges. Wolken lagen hier unten und ließen die Sonne zu einem warmen Traum vergehen.

In Steigeisen kletterten wir dann die lange Strecke hinab zum Gletscher und ich war gar nicht begeistert. Meine Lunge brannte natürlich nicht mehr, aber durch die merkwürdige Ausbalancierung auf den Stahlzacken knickte ich oft um oder rutschte ab. Will hatte erzählt, dass die meisten Unfälle auf dem Rückweg passierten, wenn man schon erschöpft war und nicht mehr so gut aufpasste. Ich machte drei Kreuze als wir auf dem Gletscher ankamen und dachte nun würde es endlich entspannter vorwärts gehen, aber kaum war dieser Gedanke durch meinen Kopf geschossen, kam auch schon Will an mir vorbeigejoggt (diesmal wortwörtlich) und rannte den Hügel hinunter. Falls es jemand vergessen haben sollte: Wir waren durch ein Seil an den Hüften verbunden wie merkwürdige Siamesische Zwillinge und so blieb mir nichts anderes übrig als ihm so schnell wie möglich zu folgen. Ich stolperte mehr als dass ich rannte, schaffte es aber auf meinen Beinen zu bleiben, bis Will plötzlich stoppte, seinen Rucksack abnahm und sich auf diesen setzte. Pause. Ach was. Er fragte mich, ob ich oben die großen Felsbrocken gesehen hatte, die links und rechts der Spur im Schnee gelegen hatte. Klar hatte ich, sie waren ja nicht wirklich unauffällig gewesen. Jop, die waren wohl gestern alle heruntergekommen und der Grund, dass Will schnell aus dieser Zone herauskommen wollte. Gruselig.

Als Lou und Mark uns eingeholt hatten, durften sie mal wieder keine Pause machen und langsam taten mir beide echt leid. Es ging wieder weiter, noch ein letztes Mal hoch zur Hütte und dann war es geschafft. Wir hatten den Dent du Gèant bestiegen, waren sicher und unverletzt (minus die blauen Flecken und Marks kaputtes Knie) wieder unten angekommen und konnten nun behaupten diesen Berg bestiegen zu haben. Wie krass sind wir eigentlich?!

Glücklich fuhren wir mit dem Lift wieder ins Tal hinunter und gingen Pizza essen. Ich brauchte wie immer am längsten, um mich für eine Pizza zu entscheiden (Mark, tut mir echt leid, dass du immer so lange warten musst), aber dann war meine Wahl wohl so gut, dass sich Will noch spontan umentschied und auch meine Pizza bestellte. Ha, nimm das, Mark!

An der Grenze hatten wir dann ein paar Minuten Spaß, denn wir mussten unsere Pässe vorzeigen – ein lustiger Mix aus Nationalitäten – und dann verfuhren wir uns und mussten eine Ehrenrunde drehen und noch einmal durch die Kontrolle. Hupsi. Warum machen die überhaupt Grenzkontrollen innerhalb der EU?

 


Am nächsten Tag traf ich mich mit Lucy und Harry zum Frühstücken und so passierte ein Wunder: Ich war vor Mark unterwegs.

Hach, wie schön mit den beiden zu reden! Freundschaften, die man beim Reisen schließt, sind einfach so wertvoll. Ich verabredete mich für den Nachmittag mit Lucy zu einem Spaziergang und so liefen wir ein paar Stunden zusammen quatschend durch die Wälder der Gegend. Mark hatte den ganzen Tag versucht telefonisch eine Hütte hoch zum Mont Blanc zu buchen, da wir ja akklimatisiert waren, aber leider erreichte er niemanden oder alles war schon voll. Schade. Also kein Mont Blanc für mich, denn meine Zeit hier neigte sich schon wieder dem Ende entgegen. Unser Alternativprogramm war ein Klettersteig zusammen mit Lucy und Harry, die ihre schweren Rucksäcke mitschleppten, weil sie oben an einem See campen wollten.

Wir kletterten die Via Ferrata des Evettes, die Mark und ich beim letzten Mal schon einmal gemacht hatten. Somit ging ich trotz Muskelkaters in den Armen entspannt an die Tour heran. Wir mussten auch nicht schnell klettern, da Lucy und Harry mit ihren schweren Rucksäcken natürlich besonders in den Überhangstellen zu kämpfen hatten. Aber sie schafften es mit roten Wangen nach oben, wo wir dank des sonnigen Wetters die schönen Aussichten genießen konnten.

Auf dem Weg zurück zur Liftstation verliefen Harry und ich uns einmal für ein paar Minuten, weil wir den falschen Markierungen folgten und dafür den Beginn einer richtigen Kletterroute fanden. Auch schön. Und dann mussten wir auch schon wieder Tschüss sagen. Aber ich bin mir diesmal genauso sicher wie in Nepal, dass es kein Abschied für immer ist. :)

 

Via Ferrata des Evettes: links Lucy, rechts oben Harry

 


Abends waren wir bei Natalie und Burak, die unterhalb von „La Jonction“ wohnten und von ihrem Garten den tollsten Blick auf die Berge hatten. Wir aßen die mitgebrachte Pizza bei diesem großartigen Blick und dem dunkler werdenden Tageslicht auf der Terrasse und gingen dann rein, um ein Spiel zu spielen. Leider gewann Burak mit zwei Punkten vor mir, aber es war trotzdem ein nettes Spiel. :P Und ein echt schöner Abend. Man kann hier in dieser verrückten bergbegeisterten Stadt leicht vergessen, dass es auch noch etwas anderes gibt als draußen zu sein und dieser Abend war einfach wunderbar normal: Gesellschaftsspiel und Gespräche, die sich nicht nur um Bergsport drehten.

Da Mark getrunken hatte, fuhr ich uns in seinem Auto zurück und war sehr froh, dass außer uns quasi niemand so spät noch unterwegs war, denn ich fuhr die ganze Zeit viel zu weit links in der Mitte der Straße. Ich konnte nichts dafür, mein Gehirn machte das automatisch, ich konnte nicht rechts sitzen und rechts fahren. Wir schafften es trotzdem ohne Unfall nach Hause und dann war auch schon mein letzter Tag in Chamonix. Da unsere Mont-Blanc-Pläne ja nichts geworden waren, konnten wir immerhin ausschlafen, nett frühstücken gehen und danach durch die Läden der Stadt schlendern. Abends noch ein letztes Mal nett was trinken in Les Praz, wo wir zu Fuß hingehen konnten und das etwas ruhiger war als das überfüllte Chamonix. Es regnete – natürlich, weil die Berge traurig waren, dass ich schon gehen musste. :D

 

Und dann fuhr ich am nächsten Tag wieder zurück in den Norden. Warum ich während der Zugfahrt wahnsinnig genervt war, erzähle ich mal wann anders.

Jemand sollte mich stoppen, wenn ich von Bergen schreibe. Also: Herzlichen Glückwunsch, du hast es bis zum Ende geschafft und wenn die Pandemie vorbei ist, darfst du dir bei mir einen Cookie abholen.


Peace out.



Freitag, 22. Januar 2021

Chamonix, Berge und Freiheit

It's not the mountain we conquer, but ourselves.

- Edmund Hillary

 

Mont Blanc (Mitte, weißer Hügel hinten)

18.-23.07.2020. Hallo und herzlich Willkommen zurück in Frankreich. Ich war also weiterhin bei Mark in Chamonix und genoss es in den Bergen zu sein. Chamonix ist spannend, anders als ich erwartet hatte. Wer mich kennt, weiß, dass ich kein großer Fan von Franzosen bin (sorry an meine französischen Freunde, die es irgendwie trotz ihrer Nationalität in mein Herz geschafft haben), also hatte ich nicht wirklich erwartet, dass ich mich hier so wohlfühlen würde. Aber Chamonix ist irgendwie auch zerrissen:

- Auf der einen Seite die französische Bevölkerung: Geschäfte, Cafés, Restaurants und Bäckereien (ahhh, Baguette und Croissant – damit wäre mein Französisch auch schon nahezu ausgeschöpft, oui?). Und vergiss den Wein und Käse nicht, Mareike! Hallo Vorurteile. :)

- Und auf der anderen Seite: die ganze bergsportbegeisterte Community, die aus den weltbesten Extremsportlern, Aussteigern und vielen Outdoor-begeisterten Menschen mit Homeoffice-Berufen besteht, die sich alle diese Bergkulisse als Wahlheimat ausgesucht hatten. Man hörte öfter Englisch auf den Straßen und in den Kneipen als Französisch und was hier bei einem Bier an Anekdoten erzählt wird, wäre überall anders ein Grund ein Buch über sein Leben zu schreiben… Leichenfunde im Gletscher, Bergrettungsdienst als Kurzwahl im Telefon? That’s life. (Ich habe die Direktwahl zum Rettungshubschrauber auch immer noch in meinem Telefon, fällt mir dabei gerade ein). Junger Typ bricht sich den Rücken beim Mountainbiken und fährt dann kurz danach mit dem Rad in die Stadt? Eskalation bei seinem älteren Bruder, der sich um ihn kümmert und nun zum ersten Mal im Leben deren verzweifelte Mutter verstand, die es mit diesen beiden Söhnen sicher nicht leicht hatte. Die beiden Jungs hatten hier zusammen wohl schon so oft den Heli gebraucht, um irgendwo gerettet zu werden, dass die Gruppe den Hubschrauber liebevoll „Nachname-Express“ nannte (sorry, werde keine Namen nennen). Naja, beim Spazieren in den Bergen überholen einen regelmäßig ausgemergelte, super trainierte Läufer, von denen hier einige in den Bergen für den Ultra-Trail du Mont-Blanc trainieren (Ultramarathon mit über 170km, mehr als 10.000 Höhenmetern und einem Zeitlimit von 46,5 Stunden – haha, vielleicht im nächsten Leben). Chamonix ist auch vermutlich die einzige Stadt der Welt, in der du nicht cool bist, wenn du mit einem (Eis-)Pickel durch die Gegend läufst. Traurig für mein armes Ego… Man trifft weltbeste Kletterer, die hier als Guide die Hälfte des Jahres ihr Geld verdienen und Dullis wie mich die Berge hinaufschleppen, um den Rest des Jahres neue Routen auf der ganzen Welt zu erklettern. Ein Mädchen mit wunderschönen Augen erzählt mir, dass sie an einem autobiografischen Buch über ihre Kletter-Familie schreibt. Ich finde das wunderschön und stelle mir vor wie sie viele ihrer Verwandten befragt, bis ich später auf Wikipedia lese, dass ihre Mutter auf dem Rückweg vom Gipfel des K2 tödlich verunglückte, nachdem sie kurz zuvor ohne Sauerstoff und ohne Hilfe auf dem Mount Everest gewesen war. Der Bruder des Mädchens kam erst vor kurzem bei einer Winterbesteigung des Nanga Parbat ums Leben. Die Berge nehmen sich ihren Anteil an unseren Leben. Manch einer geht und kommt nie wieder und doch trifft man niemanden, der ihnen den Rücken kehren könnte. Sie ziehen uns alle immer wieder magisch an.

 


Da ich jedoch keine große Todessehnsucht hatte, machten Mark und ich eine schöne entspannte Wanderung zu „La Jonction“, einer Weggabelung der anderen Art. Man stieg nämlich zwischen zwei Gletscherzungen hinauf, bis man auf über 2.500m zwischen diesen beiden steht und die einmalige Natur zum Greifen nah ist. Hübsche Waldwege führen einen stetig nach oben, dann wird das Gelände offener, man muss oftmals über Geröll und Steine kraxeln. Am Ende mussten auch kurz die Hände für ein wenig leichtes Klettern benutzt werden. Alles in allem also eine Wanderung nach meinem Geschmack.

Auf der massiven Felshalbinsel zwischen den breiten Strömen weißen Schnees, strahlten die dunklen Felsen die nachmittägliche Sonne warm zurück und wir setzen uns erst einmal hin. Snackpause und Berggipfel anstarren. Ich konnte mich kaum satt sehen. Die Zunge des Glacier des Bossons ist die tiefst gelegenste Gletscherzunge der Alpen und auch eine der am schnellsten fließenden. Wir waren weit oben, auf diesen Gletschern fingen auch einige Bergexpeditionen an, man konnte hier unterhalb des Mont Blanc in dessen Richtung aufbrechen. Ich musste mich immer wieder zwingen meine Augen von dem weißen Strahlen abzuwenden, um keine Probleme zu bekommen. Hier oben war die Freiheit der Berge zum Greifen nah.

 

Die Bilder sprechen für sich

 

Ich kletterte hinab zum Gletscher und erkundete die kleine Höhle unterhalb des Eises, Tauwasser tropfte um mich herum und das Eis leuchtete Blaugrau. Wie ein kleines Kind freute ich mich, als ich das Eis anfasste. Wie alt mochte dieser Teil wohl sein? 10 Jahre? 15? Oder sogar hunderte? Von zwei Flugzeugabstürzen in den 50er und 60er Jahren wurden in den letzten Jahren noch einige Sachen freigespült. Faszinierend.

Zum Abschluss wagten wir uns noch ein paar Meter hinauf auf das Eis, das an dieser Stelle ohne Spalten war – die Spuren vieler anderer Leute erzählten uns, dass diese Stelle wohl sicher war. Langsam kamen Wolken über die Berge gezogen und blieben an den Gipfeln hängen. Weiße Watte vor dunklem Felsen. Wir machten uns auf den Rückweg. Wir liefen flotten Schrittes, an einigen Stellen rannten wir sogar. Die Herausforderung von Stein zu Stein zu springen und sich voll und ganz auf den nächsten Schritt zu konzentrieren war wunderbar erfrischend. Ich glaube Trailrunning könnte mir Spaß machen. :) Wir waren in Rekordzeit wieder unten.

 


Den nächsten Tag entspannten wir uns dann mal und gingen nur in der sonnigen Innenstadt spazieren, die malerisch vor den Bergen an einem Fluss lag. Bunte Blumenkästen am Ufer, kleine überdachte Holzbrücken, Cafés und Restaurants und natürlich Outdoorläden. Jede Marke, die etwas auf sich hielt, hatte hier ein Geschäft. Wir kauften Eis, gingen durch die süßen Fußgängerzonen und genossen die entspannte Atmosphäre. Später telefonierte ich noch mit Insa und überlegte mir Pläne für den nächsten Tag.

 

Mark musste nämlich arbeiten (boooo) und deswegen hatte ich den ganzen Tag für mich. Es war wieder wundervoll sonnig, keine Wolke trübte den blauen Himmel. Da es ein warmer Sommertag war, zog ich kurze Sachen an und ging dann los. Einmal schnell zur Talstation der „Aiguille du Midi“ spaziert und dann Schockstarre. Wo kamen die ganzen Leute her? Chamonix war über Nacht zur Touristenhochburg geworden? Invasion? Was war hier los? Montag und der ganze Platz war voller wartender Menschen. Hm, mit dem Gefühl einer schlechten Vorahnung stellte ich mich zu den Wartenden in die sonnige Warteschlange. Als ich endlich dran war, bestätigte sich mein Verdacht: die nächste freie Gondel wäre um 14:20 Uhr. Ohje, ich würde somit nichts anderes mehr machen können heute. Ich überlegte kurz, wollte es aber trotzdem machen, denn die Aiguille du Midi war schon ein Highlight. Die nette Dame hinter der Scheibe sah wohl, dass ich etwas traurig war und plötzlich fragte sie mich, ob ich alleine wäre. Ja? Sie habe noch ein Ticket übrig, das nicht abgeholt worden war und für 11:40 Uhr wäre. Außerdem koste es 15 Euro weniger und somit nur knapp über 50 Euro. Hallo, natürlich nahm ich es, versuchte meine Dankbarkeit in Worte zu fassen, da ich die Dame ja schlecht umarmen konnte und ging mit meinem neuen Schatz (der Reservierung für die Gondel) glücklich erstmal frühstücken.

 

Hände desinfizieren, Maske und Temperaturmessung, dann durfte ich eine Stunde später in die Gondel einsteigen. Es war unangenehm voll und ich fühlte mich ziemlich unwohl zwischen all den Menschen ohne Abstand. Ich hoffte, dass es schnell gehen würde. Zunächst ging es hinauf zur Mittelstation auf 2.300m, dann Umstieg in die zweite Gondel, die an einem einzigen kilometerlangen Seil in Rekordzeit hinauffährt auf über 3.700m. Schlucken für den Druckausgleich. Ja, es ging schnell. Für Babys ist die Fahrt verboten, für Kleinkinder nicht empfohlen – Höhenkrankheit ist durchaus möglich bei diesen Höhen und dem schnellen Aufstieg. 

Beim Aussteigen kam mir eiskalte, trockene Luft entgegen und ich zog schnell meine schlauerweise noch eben eingepackte Jacke über. Gegen die Gänsehaut auf den Beinen konnte ich wenig machen, aber es war ja immerhin sonnig. Wir standen auf den Felsen einer Bergspitze weit über dem weißen Meer der Gletscher, nebenan der Gipfel des Mont Blanc. Absolut verständlich, dass diese Fahrt so viel Geld kostete – so einfach waren Berge und Bergaussichten noch nie gewesen.

 

 

Ein paar Stufen führten mich auf eine Aussichtsplattform und ich kämpfte mit meinem Atem. Der ein oder andere musste auf der Hälfte der Treppe stehen bleiben, wo ist denn der ganze Sauerstoff plötzlich hin? Eine kleine Ausstellung über die Höhenkrankheit klärte einen auf, man konnte also entspannt seine eigenen Symptome untersuchen. Ich ließ mich vor dem Gipfel des Mont Blanc fotografieren, lauschte den Gesprächen von anderen Touristen und wanderte durch das tunnelartige System von Gängen und Aussichtsplattformen. An einer Stelle wartete ich auf unter mir am Felsen aufgetauchte Kletterer, die gerade diese Steilwand bezwungen hatten – sie sahen nicht so fertig aus, wie einige der Flachlandtouristen hier. Wow. Tief unter mir sah ich immer wieder kleine dunkle Punkte auf dem weißen Gleißen, die sich langsam bewegten. Wanderer in den Bergen auf dem Weg oder Rückweg auf die umliegenden Gipfel. Ich wollte auch!

 

Mareiki vorm Mont Blanc

Um 14 Uhr hatte ich meine Gondel zurück, die einem schon beim Ausstieg zugeteilt worden war, damit man bis zum Ende des Tages auch alle Leute wieder vom Berg heruntergeschafft hatte. Ich stieg an der Mittelstation aus, weil ich noch Wandern gehen wollte. Herrliche warme Luft begrüßte mich, ich war zurück im Sommer. Ich versuchte den Schildern zum Lac Bleu zu folgen, aber irgendwie waren plötzlich sowohl Weg als auch Schilder weg und kein See in Sicht. Naja, da ich weiter unten einen Weg sah, folgte ich einigen kleineren Pfaden querfeldein und folgte dann diesem Weg, der sich mehr oder weniger flach verlaufend an der Flanke des Berges entlang wand und bis hinüber nach Montenvers führte. Er war auch gut besucht, so dass ich immer mal wieder Familien und andere Wanderer überholte. Mark schrieb mir, dass er vielleicht einen Guide für uns für morgen gefunden hätte und so musste ich gegen 18 Uhr wieder in der Stadt sein, was meine Zeitplanung etwas straffte. Ich fing also an zu joggen. Nun war endlich mal ich die Verrückte, die alle in den Bergen überholte und es fühlte sich gut an. :D Ich befand mich jedoch durchgängig auf über 2.000m und das merkte ich auch jedes Mal, wenn der Pfad ein wenig Steigung hatte. Hui. An einem längeren Stück hoch musste ich zurück ins Gehen wechseln, weil meine Lunge kurz davor war sich aus meinem Körper zu verabschieden. Nicht einfach die Funktion einstellen sondern direkt Auswandern. Tschüss.

Ich hatte die Abzweigung für den entspannteren unteren Weg verpasst und lief somit noch einmal zu einem Aussichtspunkt hinauf. Aber was waren das für wahnsinnige Aussichten auf den Dru! Hämmerte mein Herz von der Anstrengung oder von den Aussichten?

 

wenn man zu faul ist sich für ein Foto zu entscheiden...

In Montenvers nahm ich dann einen Zug zurück nach Chamonix (Menschenmassen, lange Warteschlangen; zu blöd das Ticket zu kaufen; nette Mitarbeiter, die mir das Leben retten – ich erspare euch die langweiligen Details) und hatte sogar noch Zeit für eine schnelle Dusche, bevor ich mich mit Mark an der Midi-Station traf. Long time no see. Da fahre ich heute nicht noch einmal hoch. Ha.

Ich benötigte Ausrüstung, denn Mark hatte uns für den nächsten Tag tatsächlich einen Guide organisiert für ein kleines hochalpines Abenteuer und dafür war ich nicht ausgestattet. Ich brauchte Kategorie C-Schuhe mit Steigeisen, eine Axt bzw. Eispickel (yay) und eine Sonnenbrille, die etwas mehr kann als meine 1-Dollar-Indien-Sonnenbrille. Konnte man natürlich alles ohne Probleme hier bekommen, wir waren schließlich im Outdoorparadies schlechthin. Wir belohnten uns mit den Burgern bei „Poco Loco“, die heute zum halben Preis waren - das Warten lohnte sich.

 

Traversata Aiguille de Marbrées (3.535m):

Wecker auf kurz vor 5 Uhr ist jetzt nicht so meine Vorstellung von Spaß, aber da Mark auch kein fröhlicher Morgenmensch ist, machten wir uns einträchtig grummelnd und wenig kommunikativ fertig. Sachen hatten wir am Abend schon gepackt, ich flocht mir meine Haare noch so, dass ich den Zopf ohne Druckstellen unter dem Helm tragen konnte, dann ging es los. Mael, unser Guide für heute, holte uns in seinem klapprigen VW-Bulli ab und dann ging es durch den kilometerlangen Tunnel unter dem Mont Blanc nach Italien. Bei dieser absolut eintönigen Fahrt musste sich Mael stark konzentrieren wach zu bleiben. Mark gab trotz Müdigkeit sein bestes ihn zu unterhalten und war damit definitiv ein Held, denn ich vegetierte nur so vor mich hin.

Im nächsten Dorf hinter dem Tunnel ging es mit der Gondel von der anderen Seite hinein in die Berge und wir fuhren bis auf 3.375m (Pointe Helbronner) hinauf, wo wir uns für die Tour zurecht machten. Noch einmal aufs Klo gehen (besonders für Frauen beim Tragen eines Klettergurtes später so gut wie unmöglich zu bewerkstelligen), Steigeisen unter die Schuhe, Helme auf und Seil an die Gurte knoten. Unsere kleine Seilschaft konnte wenig später auf das Eis des Gletschers hinausgehen.

 


Da ich das Küken der Gruppe war, durfte ich den sicheren Mittelplatz einnehmen und hoffte, dass trotzdem keiner der anderen beiden in einer Gletscherspalte verschwinden würde. Aber wir bewegten uns nur auf der großen, fast flachen Ebene zwischen den vielen hohen Gipfeln, die wenig Bewegung im Eis hatte und somit ziemlich sicher war. Hoffte ich. Es war auch ein beliebter Einstieg zu vielen anderen Routen, so dass wir kleinen einspurigen Pfaden im Schnee folgten und dabei zunächst deutlich abstiegen. Gesetz der Gletscherwanderungen: wer hinunter geht, macht den sich heraufkämpfenden Wanderern den Weg frei.

Es war ein trüber, wolkiger Tag, so dass der Schnee stumpf wirkte und die Gipfel im Schatten lagen. Über dem Tal sah man jedoch schon den ein oder anderen goldenen Strahl der Morgensonne zwischen den Wolken hervorbrechen – ein starker Kontrast zu den ungezähmten, dunklen Felszacken und ich hatte die Hoffnung, dass das Wetter sich noch bessern würde in der nächsten Zeit.

Ich hatte mich dick angezogen, aber mir wurde schnell warm und nach etwa 30 bis 40 Minuten waren wir auch schon am Felsen angekommen, einem Bergkamm, über deren aufgereihte Gipfel die Grenze zwischen Frankreich und Italien verläuft, der Aiguilles Marbrées. Wir umrundeten den in die Gletscherebene hereinragenden Teil der Steinformation und befanden uns nun zwischen unserem Grat und dem Dent du Géant (einem niedrigen, aber imposanten 4.000er) auf der anderen Seite. Der Einstieg auf die Felsen war einfach und so verstauten wir schnell Steigeisen und Eisäxte. Das Seil wurde verkürzt, denn zum Klettern braucht man nur wenige Meter, auf dem Gletscher waren wir etwa 10m voneinander entfernt gewesen.

 

Das Bild war vom Rückweg, aber man kann hier super die gesamte Länge der Aiguilles Marbrées sehen (der ganze Kamm von der Mitte bis rechts rüber, auf der Rückseite war der Einstieg in die Kletterroute), im Hintergrund die prominente Spitze des Dent du Géant.

Was für ein merkwürdiges Gefühl in schweren, klobigen Schuhen zu klettern, einen Rucksack auf dem Rücken zu tragen und mich in meinen Klamotten irgendwie behäbig zu fühlen. Einige Male stützte ich mich mit den Knien ab (hallo blaue Flecken!) und ich war begeistert wie anders Klettern an richtigen Steinen war. Nicht bloß kurzzeitig auf einer Wanderung die Hände benutzen oder im Klettersteig sein, sondern wirklich nur Felskanten und -spalten zu benutzen. 

Ich war absolut glücklich meine Kletterhandschuhe dabei zu haben, denn Mark hatte in seinen dicken Handschuhen keinen guten Halt, kletterte daher ohne Handschuhe und zeigte mir am Ende seine blutenden Hände. Ups. Bei langen Kletterstellen wurden meine Finger etwas kalt, denn die Sonne ließ sich nicht überreden uns die eiskalten Felsen zu wärmen, aber es machte einfach zu viel Spaß. An zwei oder drei Stellen wurde es kniffelig, ohne Klettererfahrung hätte ich vielleicht Hilfe gebraucht. Ich war glücklich! Allerdings auch die langsamste, weil ich sehr unsicher war und recht langsam von Stein zu Stein hüpfte und somit die Geschwindigkeit unserer Gruppe bestimmte. 

 


Der Anfang war recht steil bis wir den Hauptgipfel erreicht hatten und kurz die wundervolle Aussicht genossen. Danach kraxelten wir auf dem Grat über den Nebengipfel in ungleichmäßigem auf und ab in Richtung Abseilpunkt. An zwei Stellen mussten wir Traversen an steilen Hängen überwinden, bei der Mael einer Sicherung im Fels anbrachte, die Mark als letzter wieder einsammeln musste. Diese kleinen Geräte steckte man in Felsspalten und wenn man nun stürzt, sollten sie ausreichen, um einen aufzufangen. Da keiner von uns stürzte, kann ich die Sicherheit dieser Teile nicht beurteilen, für meine Psyche waren sie jedoch sehr aufbauend.

 


 

Da es nun hinabging und unser Guide ja immer „von oben“ sicherte, musste auf dem Weg hinab Mark vorgehen. Die Schlüsselstelle im Abstieg war eine senkrechte Wand von etwa zwei Metern, die man sich an den Händen hängend herablassen musste, um dann wieder auf einem der Felsen zu landen. Problem, als ich dort hing: Ich war zu klein und kam mit meinen Füßen nicht am Boden an. Ich hing also an meinen Händen und versuchte meinen Kopf so zu drehen, dass ich meine Füße sehen konnte (gar nicht so einfach mit klobigem Helm auf dem Kopf). Weil das vermutlich urkomisch aussah, musste ich lachen. Mark stand etwas hilflos hinter mir und wollte mich glaube ich gerade von der Wand hinunterheben, als mir die rettende Idee kam. Ich konnte mich ein kleines Stück zur Seite hangeln, was ausreichte, um dort mit den Füßen den nächsten Stein zu erreichen.

 


Kurze Zeit später kamen wir an der Stelle an, von der man sich normalerweise auf den Gletscher hinunter abseilt. Mael meinte jedoch, dass wir es wohl auch schaffen würden bis ganz zum Schluss zu gehen, wir waren gut durchgekommen. Also weiter, Mael ging wieder vor und suchte sich den Weg durch die Felstrümmer, denn auch er war diesen Weg noch nie ohne Schnee gegangen. Na Halleluja. Aber klappte alles wunderbar und dann waren wir nur noch etwa 10m oberhalb des Gletschers, ein steiler Hang voll losen Gerölls zwischen uns und dem verlockenden Weiß. Mark ging vor, war also unter mir, so dass ich besonders vorsichtig auftrat, denn die Steinplatten lagen sehr locker und alles, was ich lostrat, würde Richtung Marks Kopf rauschen. Immerhin bin ich trittsicher. 

Mark war nur noch 2m vom Schnee entfernt, als es für mich etwas steiler wurde, ich musste einen recht großen Schritt auf die nächste ebene Fläche machen und um nicht springen zu müssen (keine brillante Idee bei losem Geröll), hielt ich mich an einem größeren Felsen fest, Bauch an den Berg und ließ meine Beine kontrolliert hinab. Doch plötzlich bewegte sich der von mir sicher geglaubte Fels, Stein rieb auf Stein und kam auf mich zu gerutscht. Ich reagierte instinktiv, ließ den Stein sofort los und hoffte auf einen sicheren Stand für meine Füße, die eine Millisekunde später den Boden berührten. Für eine Sekunde schien die Welt still zu stehen. Ich hielt den Atem an. Geschockt bewegte ich mich schnell zur Seite. Wäre der Stein noch weiter gerutscht, hätte er mich in Brusthöhe getroffen und nach hinten geworfen, ich wäre rückwärts den Abhang hinabgefallen und vermutlich auf Mark gelandet, der direkt unter mir stand. Er meinte, er hätte uns schon sterben gesehen.

 

Aber es ging alles gut, etwas zittrig kam ich auf der beruhigend festen Eisfläche an. Dass ich einen Gletscher mal als beruhigend empfinden würde.. Haha.

Die oberste Schneeschicht war leicht angetaut, so dass wir ohne Steigeisen zurückstiefelten. Ich rutschte ein paar Mal hin und her, aber es ging schnell zurück. Was für ein Tag.

 

Gipfelfoto

Auf der Gondelrückfahrt sahen wir eine Herde Gämse am Hang und dann belohnten wir uns mit einer riesigen Pizza, wenn wir schon mal in Italien waren – göttlich! Es war zwar noch nicht einmal 12, aber Bergabenteuer machen hungrig!

Nachmittags lief ich begleitet von den riesigen Tropfen eines wunderbar warmen Sommerregens durch die Stadt, gab mein geliehenes Equipment zurück, genoss den Geruch des Regens und hörte Musik. Abends hatte sich der Regen dann zu einem ausgewachsenen Unwetter entwickelt, was auch sehr schön war.

Der nächste Tag war dann auch schon mein letzter hier und die Sonne schien als wäre nie etwas gewesen. Ich ging ein wenig Shoppen in der Stadt, kaufte ein paar Souvenirs und dann eine Ananas, weil Mark Hunger darauf hatte. Da ich die jedoch schon recht früh kaufte, marschierte ich selbstsicher mit Ananas in der Hand eine Stunde lang durch die Fußgängerzonen. Ananas ist die neue Clutch – bin mir sicher, dass sich das noch durchsetzen wird!

 

Den nächsten Tag kann ich spaßmäßig nicht weiterempfehlen. Wir fuhren gegen 8 Uhr los nach Genf, dann saß ich 10 Stunden oder so im Zug, beziehungsweise mehreren Zügen und kam gegen kurz vor 20 Uhr tatsächlich pünktlich in Bremen an. Puh. Mama und Papa holten mich ab und dann war ich wieder Zuhause. Moin.

 

Danke an Mark für die wunderbare Zeit, das liebe Aufnehmen und das Herumführen, die nette Gesellschaft, die lustigen Geschichten (schließlich bist du natürlich ohne Konkurrenz der witzigste Mensch der Welt) und das Mitschleppen auf verrückte Bergabenteuer! Ich bin mir sicher, dass du mich viel zu oft eingeladen hast - absolut nicht fair. :) Und Winke-Winke an alle warmherzigen, offenen Menschen in Chamonix, die das hier jedoch eh nie lesen werden. :D

Dienstag, 10. Dezember 2019

Bandipur bis Bhaktapur (kann man schon mal verwechseln)

Remember the moment
You know exactly where you're going,
'Cause the next moment,
Before you know it, time is slowing
And it's frozen still,
And the window sill looks really nice, right?
You think twice about your life,
It probably happens at night,
Right?

You are surrounding all my surroundings,
Sounding down the mountain range of my left-side brain,
You are surrounding all my surroundings,
Twisting the kaleidoscope behind both of my eyes.

Holding On To You - Twenty One Pilots


Also wieder in den Bus und bis zur nächsten Stadt. Zurück ließen wir die Annapurna-Berge und unsere Wanderstiefel. RIP. Meine tollen Stiefel hatte ich nun schon über 5 Jahre und sie haben mehr als nur eine Weltumrundung mitgemacht. Nun hatten insgesamt 6 Wochen in den Bergen ihnen den Rest gegeben. Von außen wären sie noch perfekt gewesen, aber das Leder hatte sich innen leider an den Hacken aufgelöst. Ein bisschen weinte ich innerlich, aber die 1,5kg kann ich mir nun sparen und das ist mehr wert. 




Bandipur war gar nicht so weit von Pokhara entfernt und lag direkt an dem Tal, durch das die Hauptstraße führte - nur ein paar hundert Meter die Hügel hinauf. Von der Hauptstraße nahmen wir ein Taxi hoch und bezogen unser feuchtes Zimmer. Alles an Bandipur ist irgendwie wolkig. Beim Frühstück kamen Nebelschwaden durch die offene Tür gewabert und nachts machte die Feuchtigkeit die Luft deutlich kälter als unten im Tal. Man muss wohl Glück haben, wenn man die atemberaubende Aussicht auf die Berge am Horizont haben will. Aber dafür waren wir ja nicht hier. 
Man konnte nämlich von dem süßen, kleinen Dorf Bandipur zur größten Höhle Nepals laufen. Auf halbem Weg hinunter ins Tal inmitten eines Waldes lag sie. Affen versuchten uns anzupinkeln (was haben die nur alle gegen mich?), konnten uns aber auf der einstündigen Wanderung nicht aufhalten. Der Höhleneintritt inklusive Guide (ein privater exklusiv für uns) kostete ganze 1,80€ und so betraten wir die dunkle Höhle. Keine Lichter, keine wirklichen Wege. Ganz anders als die freundlichen Höhlen in Deutschland. Also Taschenlampe oder Stirnlampe an und ab in die Halle. Es gab mehrere Stalaktiten-Skulpturen, die frei nach hinduistischem Glauben Tieren ähnelten: Schlange und Tiger waren perfekt zu erkennen.

Pro-Tipp: bleibt stehen, wenn ihr den Kopf in den Nacken werft und nach oben starrt. Ich stolperte nämlich einmal ordentlich über irgendein riesiges Loch und war froh nicht den Boden geknutscht zu haben. Man könnte es auch normalen Menschenverstand nennen, aber davon scheine ich nicht so wahnsinnig viel zu haben. ^^




Irgendwann stiegen wir noch zwei klapprige, sehr steile Leitern hinab in den hinteren Teil der Höhle, man musste an Seilen entlanghangelnd über ein paar Felsen klettern und kam sich fast vor wie bei einer echten Höhlenexpedition - wäre unser Guide nicht fröhlich in seinen Flip Flops überall hingesprungen... 

Naja, wir hatten trotzdem Spaß, sahen Fledermäuse - sehr ungewöhnlich in einer Höhle :P - und rannten auf dem Weg hinaus in eine riesige Nepali-Gruppe, die mit ihren Handylämpchen und Ballerinas an den Füßen irgendwie fehl am Platz wirkten (vorher waren wir alleine in der Höhle gewesen).




Abends belohnte uns der Tag noch mit einer quasi perfekten Aussicht auf die orange gefärbten Annapurna-Berge im Sonnenuntergang, die wir von unserem Balkon und Zimmer weit hinten sehen konnten. 




Am nächsten Tag erkundeten wir das wirklich süße kleine Dorf mit vielen kleinen Tempeln und Blumen und jeder Menge Aussichten auf die verschiedenen Täler. Diese lagen jedoch in einem sanften Nebel, auch wenn wir hier oben im Sonnenschein durch die Wärme liefen. Ein Haufen Teenager quatschte uns an, ein paar wollten Fotos und andere priesen bestimmte Vorzüge bei ihren Freunden an. Kids mit lauter Musik machten fröhlich mit uns lässige Gesten und mir gefiel die irgendwie unschuldige Art dieser kleinen 'Gangster'. 






Sehr viel besser als das unangenehme Erlebnis, das ich am Abend noch hatte: Ich ging nämlich duschen und hörte, kurz nachdem ich das Wasser angestellt hatte, Stimmen auf dem Balkon. Plötzlich kamen diese näher und ich hörte jemanden direkt vor dem Badezimmerfenster anzüglich pfeifen. Draußen war es dunkel und ich hatte Licht an (offensichtlich) und es gab keine Möglichkeit das Fenster zu schließen, das sich auf Kopfhöhe befand. Super. Ich drehte mich sofort zur Wand um, aber nackt ist nackt und in einem 1x1m Raum kann man sich schlecht verstecken. Ich hörte dann nach etwa einer halben Minute eine weibliche Stimme, die wohl die Männer verscheuchte, auf jeden Fall war ich danach wieder alleine. Aber ich fühlte mich super unwohl. Es wurde eine sehr kurze Dusche... 

Am nächsten Morgen begrüßten uns wieder die Wolken und so fuhren wir nach einem leckeren und super billigen Frühstück weiter - zurück nach Kathmandu




Hallo Staub, hallo Lärm, hallo Smog, hallo Verkehr, hallo Menschenmassen, hallo Touristen und hallo "smoke weed hash?". Moin Thamel. 
Wir hatten diesmal kein "Shithole" als Unterkunft gebucht und ein riesiges Zimmer mit drei Betten. Perfekt! 

Lucy, Harry und Mark waren auch schon da und so freuten wir uns auf das Abendessen und Wiedersehen mit den dreien! Lucy und Harry waren drei Wochen im Osten wandern gewesen und genossen nun die Zivilisation und Mark war am selben Tag, als wir nach Bandipur gefahren waren, schon nach Kathmandu gekommen. Kamil kam auch am nächsten Tag aus der Everest-Region zurück und so hatten wir genug Menschen zum Treffen und quatschen. Insas Freundin war auch kurz in Kathmandu und nahm ein paar unserer Klamotten mit zurück nach Deutschland. :) 
Alle würden sie jedoch in den nächsten Tagen nach Hause bzw. Richtung Europa fliegen. Nur wir würden übrig bleiben. Aber bis dahin würden noch ein paar lustige Tage vergehen:

  - Milkshakes & Essen
  - Visums-Chaos
  - Suche nach Weihnachtsmützen
  - Monkey Temple
  - Bouldern & Klettern
  - South Asian Games
  - Pub Quiz 
  - Bhaktapur 


Das sind übrigens weder Harry noch Lucy sondern Maria und Shelly, die unser Puppy adoptiert hatte und somit unser Grandpuppy war


Lucy und Harry hatten ihre Hausaufgaben gemacht und leckere Oreo-Milchshakes gefunden, die wir am ersten Abend schon tranken. Die MBC-Crew bei Milchshakes vereint - es gibt kein besseres Leben. 
Ein paar Tage später fanden wir noch einen Milchshakeladen, der wirklich nur Shakes und süße Snacks verkaufte. Außerhalb Thamels fanden wir dann noch einen kleinen Stand, der alle Shakes nach Städten benannt hatte. Ich nahm natürlich den Kit-Kathmandu. Njammi! Kathmandu konnte also liefern, auch wenn unser Favorit immer Perky Beans in Pokhara bleiben würde. 




An Essen gibt es hier natürlich auch alles, was das Herz begehrte und so probierten wir uns durch so einiges durch. Mal trafen wir uns zum Mittagessen, dann wieder zum Abendessen. Mal Indisch (leckerstes, scharfes Curry mit Naan), dann authentisch Chinesisch (mit so viel grünem Tee, wie man wollte), Pizza, Burger, Pakodas, MoMos,... 




You name it, they have it. Und man sollte auch keinen Spaß mit den Marihuana-Dealern machen: Die haben auch härteren Scheiß, musste Kamil feststellen, als er aus Spaß nach Koks fragte. "Kannst probieren, ist gutes Zeug! Ich bin seit 20 Jahren auf der Straße, du kannst mir vertrauen. Hier ist meine Nummer für später." OK. Danke. 


Affen neben der Indischen Visumsstelle


Natürlich gab es einen Grund warum wir so lange in Kathmandu waren (nicht die Drogen): Wir mussten einmal unser Nepal-Visum verlängern, damit wir nicht vor Weihnachten das Land verlassen müssen und dann unser Indien-Visum beantragen. Für das Indienvisum muss man nämlich 3 mal zur Botschaft laufen und darf keinen Fehler im Formular haben. Bei Insa waren sie besonders pingelig, so dass sie am nächsten Tag noch mal wieder kommen musste. Mit neu ausgedrucktem Antrag. Sie hatte bei "Arbeit" anstatt "none" "other" geschrieben. Das geht natürlich gaaaar nicht. Lol. 
Ich konnte eine Woche später meinen Pass mit dem eingeklebten Visum wieder abholen, Insa musste heute hin. Das bedeutet morgen können wir endlich Kathmandu verlassen! Und weiter dieses tolle Land erkunden. *.*

Da Visums-Spaziergänge jedoch nicht tagesfüllend sind, machten wir noch andere Sachen: und da Nikolaus und Weihnachten langsam näher kamen, starteten wir die Mission "Weihnachtsmützen". Die verkaufen wirklich alles in Thamel, aber in einem hinduistisch-buddhistischen Land Weihnachtssachen zu finden, war gar nicht so einfach. Es gab Filzmotivketten und so, aber irgendwie keine Mützen. Allerdings stellten wir fest, dass es mit jedem Tag ein kleines bisschen mehr wurde. Vielleicht sind zu Weihnachten die Läden ja doch voll mit Weihnachtskram. ;) 
Wir gingen also zu einer Mall außerhalb Thamels, wo wir in einem kleinen Laden Haarreifen fanden, die nach Rentier aussahen. Gekauft! Mit rotem Lippenstift auf der Nasenspitze waren wir Rudolph. Insa Rud, ich Olph. Yay! 




Harry feierte uns ziemlich. Hach, wir werden ihn vermissen. Lucy wollte auch nicht bei uns bleiben (schnüff) und Mark fuhr lieber Ski in Europa als weiterhin den Smog von Kathmandu einzuatmen (unser längster Travel-Buddy mit etwa 2 Monaten Bekanntschaft - das ist echt viel) und so waren wir nun ein paar Tage alleine mit Kamil bis auch er nach Hause flog.
Aber es sind schon Pläne gemacht, um alle in Europa wieder zu sehen. Manche Freundschaften brauchen nicht lange, um zu etwas Dauerhaftem zu werden. <3 




Da Kamil gar nicht geplant hatte so lange in Kathmandu zu sein, hatte er auch nichts vor und so schleppten wir ihn zu unseren Aktivitäten mit. Erstmal zum Monkey Temple auf dem Swayambhu-Hügel, von dem man das im Smog liegende Kathmandu sehen konnte. 




Kamil feindete sich bei der Tempelbesichtigung mit den dort ansässigen Affen an, indem er seine GoPro viel zu nah an die Tiere heranbrachte. Aber bei plötzlich gezeigten spitzen Eckzähnen trat er lieber den Rückzug an. Ansonsten waren die Affen nämlich verrückter Weise unglaublich friedlich. Wer schon mal einen Affentempel in einem anderen asiatischen Land besucht hat oder in Afrika von den sneaky Tieren beklaut wurde, weiß, dass man gut aufpassen muss. Nicht in Nepal. Menschen freundlich, Affen freundlich (wenn sie nicht versuchen mich anzupinkeln), Straßenhunde freundlich. 





Insa und ich drehten auf hunderten Metern die Prayerwheels am Hang des Hügels bis unsere Arme lahm waren und falls das Glück bringt, haben wir davon nun genug für mehrere Leben. ;) 

Es war ein schöner Tag und noch schönerer Ausflug. Blauer Himmel und bunte Gebetsfahnen. Nepal enttäuscht einfach nie. 




Ich schaffte es in den nächsten Tagen zweimal mit Kamil Bouldern zu gehen und ärgerte mich ziemlich darüber wie schlecht ich geworden war. :( Menno. Die Halle war auch nicht wirklich für Anfänger geeignet, denn erst beim zweiten Mal schaffte Kamil überhaupt eine Strecke und er war definitiv nicht unsportlich.. Und ich schaffte auch nur drei (?) Strecken, aber irgendwie ging es den meisten so.. 


Da wurden wir einfach auf der Instagram-Seite der Kletterhalle veröffentlicht..


Als Kamil weg war, ging ich noch mal alleine hin und probierte das Seilklettern aus. Da waren die Routen erstaunlich einfach! Mein neuer Buddy, der mich sicherte - Nabin - brachte mir nochmal die Knoten bei und half mir bei einer wirklich schweren Route, die ich zum Schluss machte, mit Tipps und ganz viel Aufmunterung! :) 
Beim Bouldern vermisste ich doch direkt die Linie 7, aber das Seilklettern war fantastisch. :) 


Nabin :) 




Passenderweise fanden gerade die 13. South Asian Games in Nepal statt und so googleten wir erstmal los. 
Teilnehmer sind Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. Und es gibt 28 Sportarten von Archery bis Wushu. Es sind "normale" Sachen, wie Fußball und Volleyball dabei, aber auch exotischer Kram, wie Cricket, Kho-Kho und Kabaddi und so beschlossen wir uns Kabaddi anzuschauen. Beste Entscheidung ever! 

Laut Spielplan sollte um 14 Uhr ein Spiel sein und so fuhren wir zur Halle, die nur knapp hinter dem Swayambhu Hügel liegt. Soldaten stoppten uns vor dem Tor. Nach einiger Diskussion - nein, wir hatten keine Tickets - fanden wir heraus, dass das Spiel auf 16 Uhr verschoben worden war. Nagut. Gingen wir halt erstmal Mittag essen. 
Gegen halb 4 waren wir wieder vor dem Tor bei den Soldaten und fragten wo man denn Tickets kaufen könne. Nirgends. Ratlose Blicke von uns. Dann die Frage wo wir denn her kämen. Deutschland? Kurzes Nachdenken und dann: Okay, ihr könnt durch. Einfach dem Weg runter folgen. Tickets brauchten wir nicht, alles klar. ;). 




Die Halle war zwar nicht leer, aber auch nicht gerade voll und so konnten wir uns perfekte Plätze in der Mitte schnappen. Langsam trudelten mehr Leute ein und quasi 80% waren Sportler aus den anderen Ländern. Neben uns saß ein Nepali, der als Läufer an den Spielen teilnahm und wohl National Champion in irgendeiner Disziplin war. Wir waren die einzigen 3 Weißen in der Halle. 

Plötzlich wurde ein mitreißendes Lied angespielt, toller Beat und dazu gerufenes "Kabaddi, Kabaddi, Kabaddi". Perfekt um die Stimmung für ein Spiel hoch zu bringen. Die Sportler liefen hinter ihren Flaggen ein und wurden vorgestellt. Dann die Referees, von denen es mehr als Sportler gab. :D
Das Lied gibt es als 'Kabadi' auf Spotify, falls sich das jemand anhören will. ;) 

Und dann ging es endlich los! Nepal gegen Sri Lanka. Ein tanzendes Hin und Her. Und unglaublich fair, denn oft sahen die Schiedsrichter nicht, wenn jemand einen Punkt machte und die Spieler gaben dies freiwillig zu. 
Leider verlor Nepal, aber alle schienen auf das 2. Spiel gewartet zu haben, denn nun spielte Indien gegen Pakistan und die Stimmung wurde noch mal besser, bei den besten Szenen sprangen die Leute von ihren Sitzen. 
Es gab ordentlich Tackling und ein paar Stunts und Sprünge. Die Inder waren dominierend. Natürlich gewannen sie, sie sind die Favoriten und führten auch den Medaillenspiegel der diesjährigen Spiele an (auch den allgemeinen für alle Spiele der letzten Jahrzehnte zusammen). Aber es war trotz ihrer Überlegenheit ein super Spiel! 




Wir waren begeistert. Eine Mischung aus Völkerball (ohne Ball) und Wrestling. Super Idee. :D Ausweichen können die hier sowieso alle super, das braucht man, um den Verkehr hier zu überleben.. 

Nach der Aufregung gönnten wir uns an einem anderen Tag ein Pub Quiz im Himalayan Irish Pub. Ich habe immer mega Spaß an sowas, aber ich bin nicht wirklich gut.. Zu dritt waren wir aber knapp vor brilliant, auch weil Kamil quasi alle Logos von Marken und Firmen im Schlaf aufsagen konnte (ein zweifelhaftes Talent) und so waren wir mit einem anderen Team am Ende auf dem ersten Platz. Es gab ein Stechen. Acht Fragen und wieder waren wir punktgleich. Tja, wir verloren dann, weil wir den Straßennamen nicht wussten, in dem der Pub liegt. Mistkram! Wenigstens gab es nichts außer Ehre zu gewinnen. ^^


Tschüß adoptiertes Puppy - Kamil (wir schenkten ihm zum Abschied eine Mütze mit Hundegesicht und - Ohren :D) 


An Kamils letztem ganzen Tag fuhren Insa und ich die etwa 15km zur Nachbarstadt Bhaktapur, die auch einmal die Hauptstadt gewesen war und voller alter Tempel und traditioneller Häuser war. Wir hatten schönsten Sonnenschein und genossen jede Minute zwischen den tollen alten Gebäuden. Das Eintrittsgeld der Touristen wird auch der Bevölkerung dort zur Verfügung gestellt, wenn sie ihre Häuser im traditionellen Stil mit Holzschnitzereien und roten Ziegelsteinen errichteten oder erhalten wollten. Eine perfekte, ruhige Oase!






Wir schauten uns viele Tempel, Häuser und alte Wasserreservoirs an und schlenderten lange durch die Gassen. Einmal liefen wir durch ein Gebäude mit Innenhof hindurch, bei dem wir uns nicht sicher waren, ob das erlaubt war. Aber bis auf eine nett lachende Frau mit Kind trafen wir niemanden, der uns das verboten hätte. Und wir sind hier auch nicht in Deutschland, also entspannt. 










Nicht so entspannt war die Rückfahrt im Bus, denn wir standen ewig im Stau (vielleicht noch die Auswirkungen des Marathons, der an dem Tag statt fand, oder das normale Rush-hour-Chaos) und der Bus war mehr als nur voll beladen. Die Menschen bildeten eine große Masse und dadurch, dass jeder mit jedem kuschelte, konnte ich FÜHLEN, wenn jemand in den Bus einstieg oder ihn verließ. Spannend. Ein paar Kinder hinterließen Fußabdrücke auf meiner Hose und ich verlor ein paar Haare, aber immerhin: wir hatten Sitzplätze. 


Neuen Puppy gefunden <3 


Noch mehr Puppytime


Es waren also ein paar spannende Tage in Kathmandu, auch wenn ich den Staub in meinen Lungen eher nicht vermissen werde. ;)