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Montag, 18. Januar 2021

Länderhopping, um zum höchsten Berg der Alpen zu gelangen

Natur in der Form wilder Landschaft ist der beste Spiegel unserer Seele.

 - Reinhold Messner

 

14.07.2020. Ortswechsel. Mit dem Bus von Götzens nach Innsbruck, dann mit der S-Bahn nach Ötztal, also ins Ötztal, nur dass die Haltestelle bzw. der Bahnhof auch so hieß. Dort stieg ich noch einmal in einen Bus um, der mich weiter in das Tal hereinbrachte, nach Umhausen. Ich hatte dummerweise direkt gesagt, dass ich ein Ticket benötigte, denn die meisten stiegen coronakonform hinten ein und zeigten ihre Tickets nicht. Ich glaube der Fahrer wollte mich auch gerne schwarz mitfahren lassen, aber ich hatte mich schon verraten. Mist. Also nannte er mir den Preis (5,50€) und ich kramte schon nach meinem Geld, als er hinterher schob „aber du bist ja Jugendliche, das sind dann nur 3,30€! Bei den Masken sieht man das Alter ja immer nicht.“ Fröhlich lachende Augen. Ehrenmanni.

Meine Unterkunft hier war richtig schön und so gut ausgestattet, dass ich gerne länger geblieben wäre, aber das lohnte sich nicht ohne Auto, denn hier gab es nur eine Sache, die ich mir anschauen wollte und dorthin brach ich auch direkt auf. Aber vielleicht komme ich noch mal zum Wandern wieder? :)

Die Besitzerin des Hauses hatte mir noch den Tipp gegeben direkt über die Wiese zur Hauptstraße zu laufen, was mir bestimmt 10 Minuten Weg sparte und so war ich nach etwa einer halben Stunde am Ötzi-Dorf. Ha, das schaute ich mir aber gar nicht an, denn dahinter lag mein eigentliches Ziel: der Stuibenfall, dem mit 159m zweithöchsten Wasserfall in Tirol (er verlor mit einem Meter gegen einen Wasserfall, der exakt gleich heißt, aber woanders liegt – kreativ ist was anderes).

 

Hach... :)

Der Wasserfall lag malerisch am Ende eines nach hinten enger werdenden Tals, grün Bewachsen an den Hängen, an der linken Seite eine steile Felswand und rechts Treppen mit Aussichtsplattformen. Mein Ziel war jedoch die linke Seite, denn an den Felsen war ein wundervoller Klettersteig gebaut worden.

 

Stuibenfall Klettersteig im Ötztal:

Schwierigkeitsgrad: C (würde ich aber leichter schätzen)

Wandhöhe: 300-400m

Exposition: Südwest

Zeit für Durchstieg: etwa 2 Stunden

 

Bevor man zu dem eigentlichen Einstieg an der Felswand kam, musste man den Fluss auf einem Drahtseil überqueren und dann etwa 10 Minuten durch den Wald spazieren. Es war wunderbar ruhig hier – die meisten Touristen hielten sich bei den Treppen auf. An der Felswand wurde dann aber recht schnell klar, dass auch hier ein Haufen Menschen waren, denn es staute sich an der Wand. Ich unterhielt mich also lange Minuten mit dem älteren Paar vor mir, die auch gerne schneller vorwärtsgekommen wären, es aber mit Humor nahmen. Es gab ein paar kleine Überhangbereiche und sehr steile Passagen, weswegen der Steig auch mit der Schwierigkeit C angegeben war, aber die waren sehr kurz, so dass sie mir keine Probleme bereiteten. Aber sie erklärten, warum es sich dort staute, denn es waren auch Familien unterwegs.

Die Wartezeit war aber nicht zu schlimm, ich hatte nette Gespräche, wundervolle Aussichten in das Tal hinab und die warme Sonne schien mir ins Gesicht. Eigentlich kein allzu schlechter Platz, um darauf zu warten, dass es weiter ging.

 


Nach einiger Zeit kletterte man dann um eine Felskante herum und plötzlich war das Tosen des Wasserfalls ganz nah zu hören. Im Sommer kommen hier die größten Mengen hinabgeschossen, da sich der Fluss aus dem Schmelzwasser zwei naher Gletscher speist. Ich war mittlerweile so weit hinaufgeklettert, dass ich fast auf einer Höhe mit dem Anfang des Wasserfalls war. Was für eine unglaubliche Sicht!

Und dann kam das Finale (siehe oben das linke Bild): Die Überquerung der Abbruchkante des Wasserfalls auf einem Drahtseil. Balancierend hing man nur einen Meter über der wild um sich schlagenden Wasseroberfläche. Immer wieder trafen mich klatschend Spritzer an den Beinen, während ich vorsichtig Schritt für Schritt über den Wasserfall ging. Was für eine verrückte Aussicht! Unter mir das Tal, um mich herum das Tosen des Wassers. Natur pur. Kraft.

 


Und dann war ich auch schon raus aus dem Klettersteig. Mittagspause nach nicht einmal zwei Stunden trotz Warten. Ein großartiger und anfängerfreundlicher Klettersteig mit ein paar der unglaublichsten Aussichten, die man sich vorstellen kann. Absolut ein Highlight! Nur schwindelfrei sollte man sein, wenn man auf dem Seil balanciert. Es gibt jedoch auch die Option vorher auszusteigen – aber das macht ja keinen Sinn. :P

Auf dem Rückweg nahm ich dann alle Aussichtsplattformen und Treppen mit und freute mich, dass ich die nicht hatte hochlaufen müssen. Klettern siegt über Treppenstufen. Ich lief auf den recht steilen Wegen flott nach unten und wurde zu meinem Unwillen von einem Trupp Soldaten überholt. Gebirgsjäger. Voll unfair, dass die schneller waren!

 


Am Abend hatte ich dann noch ein spaßiges Telefonat mit meinem Chef, der mich gerade erwischte, als ich unter der Dusche stand. Joa, nackt hatte ich bisher auch noch nie mit jemandem von der Arbeit telefoniert. :D

Vorteil: man kann den Angstschweiß direkt wieder abwaschen – haha.

Nachteil: es wurde irgendwann echt kalt.

Kurzfassung: Der Firma geht’s scheiße, fast alle sind in Kurzarbeit, es gibt keine Arbeit und ich würde im August voraussichtlich auch direkt in Kurzarbeit gehen. Hurra.

 

Noch ein letztes Foto vom Stuibenfall, weil er einfach so schön war!


Am nächsten Tag fuhr ich dann auch schon wieder raus aus Österreich, durchquerte Liechtenstein und düste einmal quer durch die Schweiz bis nach Genf. Wenn ich nicht vorgehabt hätte, jemanden zu besuchen, wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen diese lange Strecke auf mich zu nehmen. Besonders, wenn ich gewusst hätte, dass die Strecke zwischen Innsbruck und dem Ötztal irgendwo gesperrt sein würde wegen eines Rettungseinsatzes, ich einen schnell organisierten Ersatzbus nehmen und dann eine Stunde im Geisterzug sitzen musste, um auf die ganzen Leute aus Innsbruck zu warten. Als ich dann noch bemerkte, dass ich in der Schweiz außerhalb der EU war und mein Handy mir kein Internet geben wollte, sank meine Laune tatsächlich noch ein Stück weiter… Aus irgendeinem Grund ging meine SMS jedoch raus und so konnte ich Mark Bescheid sagen, dass ich eine Stunde später in Genf sein würde als geplant. Puh. Mark kennt man vielleicht noch aus Nepal – längster Travelbuddy (außer Insa natürlich) – und er wohnt momentan in Chamonix und hatte mich eingeladen ihn dort zu besuchen. Wundervoll, wenn man überall Freunde hat! :)

Er konnte mich also pünktlich und ohne langes Warten am Bahnhof abholen und schon fuhren wir eine kurze Stunde rein nach Chamonix, Frankreich. Das wäre dann Land Nummer 4 heute. Damit ich nicht einschlief, musste ich an einem Haufen Mautstellen die Kreditkarte aus dem Fenster halten, denn da es ein britischer Wagen war, saß ich als Beifahrer links. Wie äußerst merkwürdig. Fühlte sich falsch an, besonders, wenn man rechts fährt. :D

 

Das auf etwa 1.000m gelegene Chamonix-Mont-Blanc (das absolut niemand so nennt, sondern eher noch weiter verkürzt auf „Cham“) begrüßte uns mit tiefhängenden Wolken, hinter denen sich die Berge versteckten, so dass ich den Geschichten glauben musste, dass es das schönste Tal der Welt sei. Aber die zwei Gletscherzungen, die sogar noch unter der Wolkendecke ins Tal hinabrollten, waren schon imposant genug! Ich war zufrieden. Berge. Hier würde ich mich sicher wohl fühlen.

 

16. - 17.07.2020. Am nächsten Tag starteten wir direkt die erste kleine Erkundungstour im Chamonix-Tal. Die Wolken versteckten die oft gepriesenen Aussichten auf die Berge noch immer und so wanderten wir einen hübschen Waldweg hinauf nach Montenvers (entspannte 900 Höhenmeter hinauf auf knappe 2.000m). Es ging hinein in ein Seitental, in dem die Zunge des „Mer de Glace“-Gletschers hinab ins Tal rollt. Schöne Aussichten und kühle Winde, die direkt von den Schnee- und Gletscherflächen des Mont Blanc Massivs herabwehten. Ich habe noch nie Eis beim Atmen geschmeckt, aber heute konnte ich diese andere Welt riechen. Als hätte ich einen Fuß in die Arktis gesetzt. Begeistert versuchte ich mir die ersten Eindrücke dieser neuen Bergwelt einzuprägen. 

Mareike in eisiger Arktisluft und unter dem ganzen Kies und Gestein verbirgt sich der Gletscher

 

Wir standen auf einer zugigen Aussichtsplattform und plötzlich riss die Wolkendecke auf der gegenüberliegenden Seite auf und zeigte eine unendliche schöne, raue Felslandschaft. Dunkle Türme ragten in den Himmel, der „Dru“ zeigte seine Flanke. Dahinter die „Aiguille Verte“, einer der schwersten zu besteigenden 4.000er der Alpen (wenn nicht sogar der schwerste). Wenn das nicht Berge sind, weiß ich auch nicht.

Man konnte sich hier oben noch die Crystal Gallery, einen Tunnel mit Wissenswertem über Kristalle, und ein anderes kleines Museum über Gletscher anschauen. Weiter unten gibt es einen Zugang in eine Gletscherhöhle, für die wir aber zu spät aufgebrochen waren. Vielleicht ein anderes Mal. :)

Wir hatten uns die beste Pizza der Stadt abends auf jeden Fall verdient und „Rosemary Dream“ war definitiv ein Traum!

 

Am nächsten Tag konnte ich Mark zu seinem ersten Klettersteig überreden, wozu wir in das Nachbardorf Lez Praz fuhren und dort mit dem „Flégère“-Lift nach oben gondelten. Eine kurze Wanderung brachte uns zu dem auf etwa 1.900m gelegenen Einstiegspunkt dieses recht neu angelegten Klettersteiges.

Via Ferrata des Evettes:

Schwierigkeitsgrad: C

Wandhöhe: ca. 250 m
Einstiegshöhe: 1.900 m
Exposition: Südwest
Zeit für Durchstieg: 2 Stunden

 

Die Wolken waren heute nicht so düster und hingen nur noch an den höchsten Gipfeln, so dass sich über dem Tal blauer Sommerhimmel sehen ließ. Es war warm und so kletterte ich im Top. Ich hatte erwartet, dass der Klettersteig wirklich einfach werden würde, aber es gab ein paar Passagen, die im Überhang waren und einige steile Wände mussten erklommen werden. Rauer Felsen und wenig gehen. Meine Lieblingsstelle war die, wo man durch einen kleinen Tunnel geführt wurde und ich beinahe hängen blieb, weil meine Sicherungsseile auf Maximum gespannt waren.

Ich hatte mich am Anfang etwas umgewöhnen müssen, denn französische Klettersteige spannen die mitlaufenden Sicherungsseile fast gar nicht auf, so dass sie kaum guten Halt für die Hände bieten – das war ungewohnt. Dafür waren jedoch mehr Tritte in den Stein gehauen, so dass man immer genug Möglichkeiten fand sich festzuhalten.

Es war eine wunderschöne Route! Wenn man mal eine Pause machte und sich umdrehte, lag das ganze Tal entlanggezogen vor einem, auf der gegenüberliegenden Seite schauten weiße Berggipfel aus den Wolken und ich bekam meinen ersten Blick auf den Mont Blanc, dem mit 4.810m höchsten Berg der Alpen und der EU. Er sah gar nicht so hoch und weit weg aus – einfach ein großer weißer flacher Hügel, der zufällig höher als alle anderen Bergspitzen war. Auch wenn diese sich in ihrer Form mehr Mühe gegeben hatten und als schwarze Felsnadeln in den blauen Himmel ragten und die Wolken durchstießen. Das französische Wort „Aiguille“ bedeutet „Nadel“ und jetzt ergibt alles einen Sinn. Ich grinste jedes Mal dumm vor mich hin, wenn ich wieder einmal einen Blick auf einen hohen Berg erhaschte. Schon allein für die Aussicht sollte man diesen Klettersteig unbedingt mitnehmen!

 


Die wirklich tolle und teilweise auch anstrengende Kletterpartie endete in einem spannenden Finale: Einer ziemlich langen Seilbrücke. Also eigentlich nur einem Seil für die Füße und zwei Führungsseilen für die Hände, oben das Sicherungsseil.

Vorher hatte es eine kürzere Überquerung auf einer 2-Seil-Brücke gegeben, die etwas wackeliger gewesen war, und dort hatte Mark schon sehr unterhaltsam geflucht. Das führte er nun natürlich begeistert fort. Grinsend ging ich also vorweg.

Was wir nicht wussten: Ein anderer einsamer Wanderer hatte es sich gemütlich gemacht und filmte uns nun. Leider zu weit weg, um uns zu hören, aber dafür so weit weg, dass man die Drahtseile nicht mehr sehen konnte und wir auf dem Video in der Luft zu schweben schienen – auf eine höchst merkwürdige Art und Weise. Er wartete dann auf uns, entpuppte sich als Engländer und schickte uns das Video. Super lieb! :)

 


Nun war der Klettersteig auch schon geschafft, wir kraxelten über ein Trümmerfeld von großen Felsen hinab zum nächsten Weg und gelangten von dort über Skipisten entspannt zurück zur Bergstation des Flégère-Lifts.

 

Vollkommen legitime Pause, um noch einmal auf den Mont Blanc zu starren

Abends lernte ich dann einen Haufen von Marks Freunden kennen, denn es war Freitag und da traf man sich halt auf ein paar Bierchen. Mark erzählte begeistert von der absoluten Lächerlichkeit des Klettersteig-Sportes und deswegen würde ich ihn natürlich noch mal überreden mitzukommen. Aber von meinen restlichen Abenteuern in Chamonix müsst ihr beim nächsten Mal lesen.

Freitag, 8. Januar 2021

Stairway to Heaven – Wolkenpfade erklettern

There's a feeling I get when I look to the west

And my spirit is crying for leaving
In my thoughts I have seen rings of smoke through the trees
And the voices of those who stand looking

And it makes me wonder…

Your head is humming and it won't go, in case you don't know
The piper's calling you to join him
Dear lady, can you hear the wind blow, and did you know
Your stairway lies on the whispering wind?

Led Zeppelin - Stairway to Heaven

 

 

10.07.-14.07.2020. Innsbruck lag eine entspannte Fahrstunde entfernt von Garmisch-Partenkirchen und ich kam in sommerlich warmem Wetter dort an. Da ich in der Nähe der Innenstadt landete, beschloss ich die Touristen-Information aufzusuchen, wenn ich schon mal da war. Denn da ich Städte nicht so gerne mag, hatte ich mir eine Unterkunft außerhalb der Stadt gebucht, zu der ich danach mit dem Bus fahren würde. Da ich nun ein nagelneues Klettersteigset besaß, beschloss ich dieses auch zu nutzen und wollte mich vorab über Klettersteige in der Gegend informieren. Naja, die Damen in der Info waren wirklich sehr bemüht und googelten sogar für mich, aber im Endeffekt konnten sie mir nicht wirklich helfen. Alles klar, selbst ist die Frau.

Also raus aus der Stadt, das Tal etwas hinab, nach Götzens. Eine halbe Stunde später stand ich vor der Hoteltür und sah, dass das Hotel geschlossen war und nun war ich verwirrt. Wie hatte ich ein Zimmer buchen können, wenn das Hotel gar nicht geöffnet hatte? Anstatt unter dem Türsturz zu campieren, drückte ich einfach gegen die Tür und ging hinein – die Tür war offen. Ich hörte auch Geräusche und so ging ich immer weiter durch, bis ich jemanden fand. Eine nette, junge Frau klärte mich auf: sie hatten alle Reservierungen in ihr Partnerhotel umgebucht, da momentan nicht so viel los war. Das Partnerhotel lag zwei Minuten die Straße weiter hinunter am Ortsrand und ich bekam ein Eckzimmer mit wundervollem Blick auf die Berge! Ich fühlte mich sofort wohl in dem Zimmer mit großem Bett, fluffiger Bettwäsche und dem Balkon mit diesem Ausblick. :) Hier würde ich es gut aushalten können!

 


Noch an diesem Tag schwang das Wetter jedoch um: Es regnete heftig und würde die nächsten Tage bewölkt sein. Das warf meine Klettersteigplanungen etwas durcheinander, denn ich brauchte trockenen Felsen. Aber das Wetter ist, wie es ist und immerhin hatte ich dieses wunderbare Zimmer.

Ich ging nach dem heftigen Schauer noch einmal hinaus für einen kleinen Spaziergang durch den Wald und genoss die einsame Natur und die frische Luft, die nach dem Regen gereinigt schmeckte. Federnde Waldwege, lila Glockenblumen zwischen den Bäumen und glänzende Regentropfen, die von den nassen Blättern herabfielen und in der plötzlich golden scheinenden Abendsonne glitzerten.

Um den perfekten Tag etwas abzumildern, biss am Ende jedoch eine Bremse meine Hand blutig. Scheißviecher! Ich hasse sie noch mehr als Mücken. Verzeiht meine Ausdrucksweise…

 


Da das Wetter am nächsten Tag erwartet gruselig-schlecht war, beschloss ich von hier in Götzens eine Wanderung in die Berge zu machen und einfach zu hoffen, dass die Sonne irgendwann wiederkommen würde.

Kleiner Spoiler (damit ihr nicht vor Spannung sterbt – lol): Das Wetter wurde nicht besser und entweder regnete es oder es war einfach unglaublich bewölkt. Ich glaube von den 8 Stunden lief ich etwa 6 Stunden mit Regenschirm herum.

 

Wanderung zur Saile (Nockspitze):

Start: Götzens, knapp 900m üNN

Ziel (Gipfel): 2.404m

Strecke: ca. 20km mit 1.500 Höhenmetern

Wanderzeit: etwa 8 Stunden

Erste Bewertung, die mir bei Google angezeigt wurde: „Voll krass die Natur ey“

 

 


In Götzens kam ich an einer hübschen Kirche vorbei und war dann auch schon direkt am Rande der Berge. Innsbruck – und somit auch Götzens – liegen in einem breiten Tal, das auf beiden Seiten von recht steil ansteigenden hohen Berge umgeben ist. Wunderschön, wenn man sie sehen kann! Die Spitzen der Berge lagen heute jedoch unter einer dichten, grauen Wolkendecke und in diese stieg ich hinein. Niemand sonst hatte sich diesen Tag zum Wandern ausgesucht und so begegnete ich exakt einer einzigen anderen Person und die war mit Hund unterwegs. Naja, auch schön. Der Regen prasselte in unterschiedlichen Intensitäten auf meinen Regenschirm und begleitete so meinen Aufstieg. Immerhin war es nicht kalt und hey, die Sonne knallte mir auch nicht auf den Scheitel. ;)

Ich besuchte jeden Gipfel, der auf der Route lag, auch wenn mir keiner großartige Aussichten bescherte: Birgitzköpfl (1.980m) - Zwölferspitze (2.098m) - Pfriemeswand (2.100m) - Saile / Nockspitze (2.404m).

Vom Birgitzköpfl zeigten sich die nahen Bergspitzen immerhin mystisch im Wolkennebel, die Blumenwiese, auf der ich stand, hob meine Stimmung. Es war ein wunderschönes Fleckchen Erde, das konnte sogar das eher mäßig gute Wetter nicht verbergen.

 


Je höher ich kam, desto felsiger wurde es – über mir ragten die Sailespitzen empor, verborgen im Wolkennebel. An den klippenartigen Hängen wuchs nicht viel, es war eine großartige Landschaft. Auf dem kleinen Gipfel der Pfriemeswand hatte ich einen Moment Ruhe von dem Dauerregen und nutzte die Gunst der Stunde für ein paar alberne Selbstauslöserfotos am Gipfelkreuz. Dass ich auf 2000m noch einen Klimmzug schaffte, begeisterte mich.

Dann ging es an den letzten Aufstieg auf den höchsten Gipfel hier: die Saile. Ein Schild warnte vor dem weiteren Weg, man solle hier nur weiter gehen, wenn man erfahren und trittsicher sei. Ich kann immer sehr schwer einschätzen, ob damit Leute gemeint sind, die sonst nur auf geteerten Wegen laufen oder ob das halt wirklich gefährlich ist und so sagte ich mir immer wieder selbst vor „wenn der Fels zu rutschig wird, es gefährlich aussieht oder du denkst, dass der Rückweg kritisch wird, drehst du um“. Ich stand also ein paar Mal vor abenteuerlich schmalen Wegen direkt am Abgrund und stellte mir selbst die Frage „weitergehen oder umdrehen?“ – ich ging weiter. Ich war besonders vorsichtig, denn da ich allein unterwegs war, kann ein Unfall (der sonst vielleicht nicht tödlich wäre) durchaus so enden und dafür lebe ich doch zu gerne. Da ich aber trittsicher und schwindelfrei bin, ging ich langsam weiter, vorsichtiger als normal. Zum Schluss musste man dann noch ein wenig klettern, was mit einer Hand gar nicht so einfach war, da ich in der anderen meinen Schirm hatte. Der bekommt von mir 5 Sterne für Regenschutz, aber einen Stern Abzug in der Handlichkeit beim Klettern… An einer Stelle warf ich ihn voraus und kletterte dann mit beiden Händen am nasskalten, rutschigen Stein hinterher.

 


Der Gipfel war unglaublich langweilig! Nachdem ich die letzte Stunde in einer tollen Felslandschaft gewandert war, stand ich plötzlich auf einer saftigen, grünen Wiese. Wo kam die denn her? Ich sah bei dem noch stärkeren Regen oben absolut gar nichts und beschloss sofort wieder hinab zu steigen. Naja, immerhin war ich oben gewesen. :)

 

Ich nahm einen anderen Weg zurück durch schöne Täler, in denen auf ein paar kleinen Hängen Kühe grasten und hörte beim Abstieg Musik – ein guter Rhythmus und man ist gleich ein wenig schneller. Kurz vor Ladenschluss kam ich wieder in Götzens an und ging noch schnell ein paar Sachen einkaufen, denn am nächsten Tag war Sonntag.

 


Ich hoffte für diesen Tag auf gutes Wetter, aber als mein Wecker mich früh aus dem Schlaf klingelte, sah es noch gar nicht gut aus. Egal, ich machte mich fertig und fuhr nach Innsbruck und dort mit den Nordkettenbahnen hinauf auf die etwa 2.200m hohe Nordkette, wie sich die Berge auf der anderen Seite des Inntals nannten. Langsam klarte es im Tal auf und die Sonne traute sich hervor, doch an die Berghänge klammerten sich noch die schweren Wolken der letzten Tage. Ich fuhr also hinein in schlechte Sicht. Aber immerhin war es trocken und so sollte es auch bleiben, weswegen ich oben direkt mein Klettersteigset anlegte. Ich war wie der beste Großstadttourist in Flip Flops losgelaufen und hatte mir oben auf dem Berg ein paar skeptische Blicke eingefangen. Es war nämlich ziemlich kühl dort oben. Die Flip Flops waren jedoch kein Fashionstatement – ich hätte den Bus nach Innsbruck verpasst, wenn ich mir noch die Stiefel zugeschnürt hätte. :D

Ein älteres Pärchen quatschte nett mit mir als ich mich bergsicher anzog – ich glaube sie waren froh, dass ich noch andere Schuhe dabeihatte. Hach, mein Herz.

 


Innsbrucker Klettersteig „Innsbrucker Höhenweg“

Schwierigkeit: C

Höhenmeter: 550

Dauer: 5 Stunden (Zustieg 10 Minuten, Abstieg 1:30 Stunden), etwa 4 Stunden Kletterzeit

Exposition: Süd

Gebirge: Karwendel

Höchster Gipfel: Kemacher (2480 m)

 

Da es Sonntag war, machten sich noch ein paar andere vor dem Einstieg fertig und ich sah auch schon einige am Felsen – immerhin würde ich hier heute nicht allein sein.

Ein Heli flog über mir hinter die erste Kuppe und ich fragte mich ob das ein gutes oder schlechtes Omen für den Tag war.

Am Einstieg musste ich dann noch ein paar Minuten warten, denn es fängt direkt mit einer ziemlich knackigen etwa 15m hohen Steilwand an und die Leute über mir mussten erst einmal so weit vorklettern, dass sie mir nicht auf den Kopf fallen würden. Das Mädel vor mir schien noch nicht oft geklettert zu sein, denn sie brauchte an einer Stelle sehr lange und ihre Freundin versuchte von oben wenig erfolgreich zu helfen. Ich dachte schon, dass sie wieder zurück klettern würde, aber dann schaffte sie es doch und ich konnte endlich los. Ich fand auch die schwierige Stelle, an der sie so verzweifelt war: Großer Abstand zwischen den wenigen Tritten und nichts außer dem Seil zum Festhalten. An einer Steilwand. Auch wenn man gesichert ist, kann einem das schon schwitzige Hände bereiten. Ich kam aber ziemlich schnell oben an und von dort ging es eigentlich recht einfach weiter. Der schwierigste Teil was das Klettern anging war ironischerweise schon vorbei.

Die Route folgt nun dem Kamm, der das Innsbrucker Tal von dem dahinter liegenden Karwendelgebirge trennt – immer wieder hoch und runter. Kletterpassagen wechseln sich mit teilweise ungesicherten Gehpassagen ab.

 

Stairway to heaven...

Zunächst war ich noch für etwa 30 Minuten in den immer dünner werdenden Wolken, doch dann plötzlich entfaltete sich die ganze Pracht der Alpen vor mir und wenn ich auf der anderen Seite hinabschaute, glitzerte der Fluss mit der großen Stadt 2000m unter mir. Was für ein Kontrast! Zivilisation auf der einen und verrückte, aufgebrochene Mondlandschaft auf der anderen Seite! In der Ferne glitzerte die ungebrochene Schneedecke der Gletscher, wenn die Wolken einmal kurz aufbrachen. Teilweise saß man quasi so auf dem Grat, dass ein Bein über der Stadt schaukelte und das andere in Richtung Berge zeigte, so schmal war der Felsen dort.

 


Es kamen noch ein paar interessante Kletterstellen, einmal einen Kamin (einem Felsspalt) in Schwierigkeit C hinauf und dann ein kleines „Abseilen“ auf eine ebenere Stelle. Als die Sonne herauskam, musste ich mich direkt ausziehen, es wurde warm hier oben. Ich war flott unterwegs, wenn ich gesichert war und überholte ein paar langsamere Mädels, wurde aber auch von ein paar quasi rennenden Männern überholt. Immer, wenn man sich aus dem Sicherungsseil aushaken musste, weil es ungesichert weiter ging, wurde ich sehr langsam und vorsichtig, denn es gab zwar Pfade, über die man nur Wandern bzw. Kraxeln musste, aber neben einem ging es trotzdem hunderte Meter hinab und wer da fällt, ist halt tot. Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit sollte man für diesen Klettersteig mitbringen.

 


Irgendwann erreichte ich den höchsten Gipfel auf der Route, den Kemacher mit 2480m, auf dem ich meine Mittagspause machte. Da es hier sogar eine kleine Wiese gab, war ich auch nicht die einzige, die die Ruhe, Sonne und die tollen Ausblicke genoss.

 

Ab hier wurde der Weg noch etwas einfacher, es ging fast nur noch leicht bergab, bis ich dann auf einem sanft geschwungenen Sattel ankam, der auch zugleich der Ausstieg der Route war. Etwa 4 Stunden hatte ich bis hier gebraucht, was auch meine Hoffnung zunichtemachte, dass ich noch den zweiten Teil des Klettersteiges gehen konnte. Dieser würde noch einmal 2 bis 3 Stunden dauern und hätte die Schwierigkeit D (mein schwerster Grad war bisher C gewesen). Würde ich nun also weiter gehen, würde ich die letzte Bahn hinab verpassen und die knapp 2000 Höhenmeter runter in die Stadt zusätzlich laufen müssen. Meine Begeisterung hielt sich dezent in Grenzen. Also beschloss ich irgendwann noch einmal wieder zu kommen und machte mich an den Abstieg zur Seegrube (1904m), wo ich in die Gondel hinab einsteigen konnte.

 


Die gesparten Wandermeter hing ich dann in Innsbruck dran und lief durch die sonnendurchflutete Innenstadt: Dom, Palast, Kirchen, Maria-Theresien-Straße, Triumpfbogen und so weiter. An diesem entspannten Sonntagnachmittag saßen viele Leute draußen in den Cafés und es waren nur wenige Autos auf den Straßen.

Ich überlegte dort zu essen, fand aber nicht das richtige und fuhr wieder zurück nach Götzens, wo ich mir eine leckere Pizza gönnte und natürlich ein wohlverdientes Radler. Die Atmosphäre war super nett und ich würde sofort wieder hingehen, aber ich bin echt kein Mensch, der gerne alleine im Restaurant sitzt. Es ist einfach irgendwie langweilig.

 


Meinen letzten Tag in Götzens nutzte ich für die weitere Planung meiner Reiseroute, zum Entspannen und dem Aufarbeiten ein paar Sachen, die mich in der Zwischenzeit von Zuhause erreicht hatten. Der Tag verabschiedete sich gebührend mit einem unglaublichen Sonnenuntergang, der wie ein Waldbrand über die Berge zog.

 


 

Mittwoch, 9. Dezember 2020

Die Rosenheim-Cops - oder auch Familienurlaub bei Freunden

 

When the fever's gone
And the roads to dust
I touchdown Sunday
To tie the loose ends up
With a pocket full of
That gypsy stuff
I heard you calling me, calling me, calling me
Through the dissonance
Frenship - 1000 Nights


Juli 2020. Meine Reisegeschichte nahm nun wieder einen anderen Lauf. Ich verließ die Berge und den wundervollen See bei Berchtesgaden mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich würde die Berge ja bald wiedersehen und ich freute mich alte Freunde zu besuchen, die ich schon länger nicht gesehen habe. Taddy und ich hatten ja im Sommer noch zusammen unseren Abschied gefeiert, nun war ich wieder in der Heimat gestrandet, sie wohnte jedoch immer noch im deutschen Ausland, in Bayern.

 

Meine Bus- und Zugverbindung lief diesmal über Freilassing, wodurch ich mir die Fahrt nach Salzburg schenken konnte. Einmal umsteigen – erstaunlicherweise reichten auch hier die 6 Minuten Umsteigezeit, die ich hatte – und schon saß ich im Zug nach Rosenheim.

Früher Nachmittag und ich war hungrig, also schlenderte ich bei bestem Wetter durch die Fußgängerzone Rosenheims und schaute unentschlossen bayerische Restaurants und nette Cafés an. Und dann plötzlich sah ich es: das Maharadscha! Nachdem ich in Indien irgendwann kein indisches Essen mehr hatte sehen können, hatte ich nun echt Lust darauf. Mango-Lassi, Palak Paneer und Butter-Naan. Ein Traum! Leider hatte ich vergessen, dass in Deutschland ein Gericht direkt mit Reis geliefert wird, so dass ich mit dem zusätzlichen Naan viel zu viel Essen bestellt hatte, aber nun gut, der Magen ist ja dehnbar.

 

Ich lief mit meinem gesamten Gepäck noch etwa eine Stunde durch die Stadt, bevor ich mich leicht verschwitzt entspannt auf eine Bank im Park setzte. Leute beobachten, den Sitznachbarn nett zulächeln, Kinder spielen auf der Wiese und weil wir in einer Stadt waren, fuhr auch noch ein Polizeiauto auf dem Fußweg direkt an mir vorbei. Ich konnte den kindlichen Impuls zu winken gerade noch unterdrücken. Sind das die Rosenheim-Cops gewesen? *hüpf hüpf* Komme ich ins Fernsehen? :D

Und dann kam auch schon Taddy vorgefahren! Da sie keinen Polizeiwagen fuhr, musste ich also zur Straße kommen. Ich sagte meinen Banknachbarn Tschüß und dann Hallo zu Taddy und Per, der Schwierigkeiten hatte mich wiederzuerkennen. Aber war ja auch schon etwas her, dass wir beide zusammen Bouldern gewesen sind. Ewigkeiten im Leben eines Kindes, vermutlich.

Taddy, Carsten und Per leben etwa auf halber Strecke zwischen Rosenheim und dem Chiemsee in einem kleinen Dorf mit guter Autobahnanbindung und viel Natur. Wundervoll! Vom Balkon konnte man die Berge sehen, nur einige Kilometer entfernt war ein Naturbad und die ersten Berge zum Wandern.

 

Da ein paar unvorhergesehene Dinge verhinderten, dass wir heute noch mit den Rädern loskonnten (die Schlüssel der Schlösser waren bei Carsten, der noch arbeiten war), stiegen wir zurück ins Auto und fuhren zum Schwimmen eben zum Chiemsee. Er wurde mir stolz als der größte See Deutschlands vorgestellt, denn der Bodensee zählt ja nicht, da wir ihn ja teilen müssen mit Österreich und der Schweiz. Ja, gut, also größter See Deutschlands.

Wenn man nur Baden gehen will, ist es aber halt auch nur ein See mit Wasser. Die Stelle war sehr nett mit Steg, so dass man nicht durch Algen waten musste, auch wenn man mit Corona die Badeinsel und das Sprungbrett zu Pers unendlichem Bedauern abmontiert hatte. Bin mir gerade nicht ganz sicher, wie ein Sprungbrett die Ansteckungsgefahr vergrößert, aber äh irgendwer wird sich da schon was bei gedacht haben.   

 

Abends saßen wir zu dritt unendlich lange bei Kerzenschein und leckeren Getränken auf dem dunklen Balkon und redeten über alles Mögliche! Ich bin durchaus gerne alleine in den Bergen wandern, aber abends mal beste Konversationen zu haben, war 100% besser als noch einen Abend in ruhiger Meditation zu verbringen (okay, das mit dem Meditieren ist gelogen, ich habe es noch nie wirklich geschafft meine Gedanken ruhig zu stellen).


Am nächsten Morgen war ich froh, dass mein Vergangenheits-Ich daran gedacht hatte noch ordentlich Wasser auf den Alkohol zu kippen, so dass ich mich akzeptabel genug fühlte für eine spätvormittägliche Wanderung auf die Hochries, den nächstgelegenen Berg hier. Also Wanderschuhe raus, eine Runde Sonnencreme auf das Gesicht und ab in die grobe Richtung der Berge. Waren ja nicht wirklich schwer zu finden. Leider schaffte ich es trotzdem erst einmal falsch abzubiegen, aber weil die Menschen im Süden tatsächlich nicht ganz so zugeknöpft sind, wie wir Menschen im Norden, sagte mir ein Anwohner direkt Bescheid, dass ich hier falsch war. Hupsi und Danke!

Danach ging aber eigentlich alles wie geschmiert. Ich kam an den Fuß des Berges, arbeitete mich durch den Wald hoch, versuchte ein paar Abkürzungen, die mir den Weg verlängerten, aber landschaftlich schöner als der breite Weg waren und gelangte irgendwann raus aus dem Wald. Felsen und Sonne, ich war aber deutlich fitter als noch vor zwei Wochen und so lief ich recht flott weiter nach oben.

Kurioseste Begegnung: Ein alter Mann kam mir entgegen mit Wanderstock – soweit so normal – er hatte eine kurze Hose an. Allerdings war dies wirklich das einzige, das er trug. Kein Oberteil, keine Schuhe, keinen Rucksack, keine Wasserflasche. Okay? Aber warum auch nicht? Wenn mir einmal die Füße weh tun, übt so eine Runde barfuß laufen plötzlich einen enorm großen Reiz aus.

 

Oben auf dem Gipfel, den man auch durch Schummeln durch eine Gondelfahrt erreichen konnte, trank ich eine wohlverdiente Cola, denn die Hitze hatte meine Wasserreserven ordentlich schrumpfen lassen. Dann kam plötzlich eine Nachricht von Taddy an: Per und seine Freundin standen gerade am Balkon und winkten mir zu! Was für eine unglaublich süße Idee! Natürlich war ich viel zu weit weg, um das zu sehen, aber ich ließ es mir nicht nehmen zurückzuwinken und ein paar Leute zu fragen, ob sie ein Foto von mir machen könnten.

 


 

Dann ging es wieder runter und sobald die Straße geteert war, joggte ich, da die anderen schon zum Naturbad „Samerberger Filze“ vorgefahren waren. Es ist nicht so, dass ich es schlimm fände zu spät zu kommen - aber etwas zu verpassen, das mag ich nicht. Kreuzigt mich für diesen Egoismus. :) Wanderstiefel sind jetzt vielleicht nicht die geeignetsten Schuhe zum Joggen, aber ich bekam sehr viele ermunternde Worte zugerufen. :D Der Süden gefällt mir sehr! Keine skeptischen, missgünstigen Blicke, sondern Ermutigung? Was will man mehr an einem schönen Sommertag, wenn man mit rotem Gesicht und ohne Trinken durch die Berge rennt.

 

Ich musste dann in meiner Unterwäsche ins Wasser hüpfen, weil Taddy meine vorher gepackten Schwimmsachen zu Hause vergessen hatte, aber war ja nicht so schlimm, ich war eh sportlich angezogen und verschwitzt. Was für eine erfrischende Abkühlung! Das Wasser tat mir und meiner Kleidung gut. Taddy war so süß und bot mir ihren Badeanzug an, aber so konnten wir zusammen schwimmen, das war doch viel netter. Was für ein wunderbarer Ort! Inmitten von Wiesen und Wäldern mit Blick auf die Berge zu schwimmen und dabei wunderbare Wasserqualität zu haben, ist schon herrlich.

Naturbad Samerberger Filze

Da dieser für alle offene Pool inmitten der Natur lag, mussten wir natürlich von dort auch erst einmal die etwa 5km wieder zurück nach Hause und da alle anderen mit dem Rad dort waren und ich natürlich noch nicht genug Bewegung für heute gehabt hatte, joggte ich diese Strecke. Ich konnte gut schlafen an diesem Tag.

:)

Am nächsten Tag konnte ich Per im Homeschooling beobachten und sagen wir so: unsere mittägliche Aktivität gefiel mir besser! Wir beide ließen uns von Taddy, die ja im Homeoffice arbeiten musste, zu einem Wanderparkplatz fahren und gingen von dort auf den Heuberg, der aus 4 Gipfeln besteht, von denen wir zwei erklimmen würden. Aber zunächst ging es durch den Wald immer höher bis zu einigen Almwiesen mit einem kleinen Kälbchen, das verplant auf dem Weg herumstand und neugierig alle Wanderer abschleckte mit seiner rauen Zunge. Bin mir nicht ganz sicher, ob das coronakonform war. Per unterhielt mich mit lustigen Geschichten über Taddy, die an dieser Stelle im matschigen Schnee ausgerutscht war und beim Fallen wohl sehr lustig ausgesehen hatte.

 

Wasserwand vom Heuberg gesehen

 

Auf einer Wiese etwas oberhalb der Almhütten, machten wir eine kleine Boulderpause an einem Felsen, dann ging es an den letzten Aufstieg auf vielen parallelen schmalen Wegen, von denen ich beim besten Willen nicht mehr sagen konnte, welches einmal der originale Weg gewesen war. Wir rutschten beide einige Male aus, aber fielen nicht hin – manchmal konnte man sich an Bäumen festhalten oder deren Wurzeln als Tritte benutzen. Helden des Aufstiegs.

 

Blick von der Wasserwand auf die anderen Gipfel - der Heuberg ist rechts der Mitte die hügelige Wiese

 

Der Weg zog sich, doch plötzlich kamen wir aus dem Wald heraus und sahen unsere beiden Ziele vor uns: Links der flache Hügel des Heuberges (1338m) und rechts direkt vor uns ein hoher, schmaler Kamm aus steilen Felswänden: die Wasserwand (1367m). Ein leichter Klettersteig führte an der am wenigsten steilen Seite nach oben und eignete sich perfekt für Pers ersten Klettersteig. Er hatte schon seit einiger Zeit sein Klettersteigset Zuhause herumliegen, aber noch nie ausprobieren können und so gab ich ihm eine kurze Einweisung, dann ging es hinauf. Per hatte ganz schön Respekt, aber da er ein gutes Körpergefühl hat, schaffte er es natürlich nach oben. Und die Aussicht war der Hammer! Man konnte weit ins Tal hinab schauen, aber das schönste Motiv war der zackige Felskamm, auf dem wir uns befanden. An der engsten Stelle maximal ein bis zwei Meter breit ging es zu beiden Seiten steil hinab, ein schmaler Pfad führte auf dem Grat entlang und auf einer Seite zu einem Gipfelkreuz, wo wir eine kleine Snack-Pause machten und uns natürlich ins Gipfelbuch eintrugen.

 


Danach nahmen wir kurz den anderen Gipfel mit, da wir eh von dort unseren kleinen Rundkurs fortsetzten und durch einen anderen Waldabschnitt wieder in Richtung Parkplatz hinabstiegen. Die letzten paar hundert Meter liefen wir ziemlich flott und nahmen jede Abkürzung mit und ich schaffte es zu Pers unendlicher Belustigung einmal sehr elegant beim Abbiegen auf einen asphaltierten Weg wegzurutschen. Mit Mühe und viel Armwedeln blieb ich jedoch auf meinen Füßen und so konnten wir kurze Zeit später mit Taddy zum Naturbad weiterfahren. Die wohlverdiente Abkühlung wurde dann noch etwas kühler, als es anfing riesige, schwere Tropfen zu regnen und mit dem aufkommenden Gewitter, war der Spaß dann auch schon vorbei. Also schnell zurück ins Auto, Bikini aus, dem Nachbarauto kurz den blanken Hintern entgegengestreckt, denn die Handtuch-Bikini-Koordination gehört nicht zu meinen Stärken und dann nur ins Handtuch gewickelt ab nach Hause.

 


Am nächsten Tag ging es wieder spannend weiter: Diesmal hatte Per seine Freundin Greta nach der Schule bei sich und die beiden studierten an einem an der Decke hängenden Yogatuch ein Zirkusprogramm ein. Akrobatik, zu der ich definitiv nicht in der Lage wäre – meinen vollsten Respekt an die beiden Teilzeit-Schlangenmenschen. Danach fuhren wir zusammen mit Gretas Vater Gunnar zum Chiemsee, wo wir eine entspannte Radtour in den Abend hinein machten. Es ist schon ein bisschen unfair, was für schöne Natur hier auf kleinstem Raum ist!

Der See war von dieser Seite sogar noch schöner, so dass wir in einem der Restaurants am Wasser zu Abend aßen und die tiefersinkende Sonne über dem Wasser beobachteten. Berge als Silhouette im Hintergrund und die Schatten von Per und Greta über dem spiegelnden Wasser. Carsten kam auch noch kurz dazu und so ließen wir den Abend gemütlich ausklingen, bis es Zeit war für die Kinder ins Bett zu gehen.

 


Am nächsten Tag war Samstag und somit hatten wir zusammen etwas Großes geplant! Carsten, Taddy, Per und ich fuhren in einer Tagestour rüber nach Waidring in Österreich zur Steinplatte, wo es einen großartigen Klettersteig geben sollte. Die Szenerie war schon von unten beeindruckend, hier waren wir inmitten der Berge und nicht nur am Rande.

Die Steinplatte ist das einzige Trockenriff Europas und ein Kletterparadies mit der steil aufragenden Felswand, die sich bis zu 250m vom Boden erhebt. An einer zerklüfteten Stelle in dieser Wand befand sich unser Ziel, der Schustergangl-Klettersteig.

 

Schustergangl:

Schwierigkeitsgrad: B – C

Wandhöhe: 200 m (300m Zustieg)
Exposition: Süd, Süd-West
Zeit für Durchstieg: 1 – 1,5 Stunden
Gesamtdauer: 3 – 3,5 Std. (mit Zustieg und Abstieg)
Einstiegshöhe: 1.370 m
Ausstiegshöhe: 1.869 m

 

Wir stiegen gemeinsam zu viert zum Start des Klettersteiges hoch, was schon allein eine schöne Wanderung war. Das Tal entfaltete sich wundervoll vor uns und bis auf eine Kuhherde, die wir sanft vom Weg schieben mussten, waren wir allein unterwegs.

 



Leider hatten wir nur zwei Klettersteigsets, weil der Laden unten im Tal, wo ich entweder eins hatte kaufen oder leihen wollen, Mittagspause hatte als wir dort angekommen waren. Wer macht denn heutzutage noch Mittagspause? Nun gut, blöd gelaufen, aber nicht zu ändern. Das bedeutete jedoch, dass Carsten heldenhaft auf seinen ersten Klettersteig verzichten musste und mit Taddy die Wanderung nach oben machte, während Per und ich uns die Ausrüstung anlegten und ich ihn einmal kurz ein paar Meter die Wand hoch schickte zum Testen. Der Klettersteig geht nämlich direkt sehr steil los und der Schustergangl war schon eine andere Hausnummer als der kurze Steig, den wir vor zwei Tagen gemacht hatten. Ich war mir sicher, dass Per beim Klettern keinerlei Probleme haben würde, aber er musste sich das auch zutrauen. Umdrehen ist nicht möglich und 200 Höhenmeter zu klettern ist nicht mal eben gemacht. Aber er war gut drauf und so war ich zuversichtlich, dass wir das schaffen würden.

Ich ging voraus, da ich sicherer und erfahrener war und somit von oben die Möglichkeit hatte bei schwierigeren Passagen zu helfen, was auch einige Male vorkam. Für ein Kind sind ein paar der Stellen gar nicht so einfach zu meistern, aber immerhin bin ich auch nicht die größte Person und so konnte ich Per immer irgendwie durch die Stellen navigieren. Er war auch sehr umsichtig und hielt von sich aus genug Sicherheitsabstand zu mir ein, so dass ich nicht auf ihn fallen würde, sollte ich stürzen. Nur wenn er Hilfe brauchte, kam ich wieder ein Stück zurück.

Es machte Spaß! Der Start war tatsächlich der schwierigste Teil gewesen und nun konnte ich anfangen die wahnsinnigen Aussichten auf das Tal und die Gipfel in der Ferne zu genießen. Der Fels war hell und schroff und türmte sich in fantastischen, verrückten Türmen auf, um die wir auf der Kletterroute herumgeführt wurden. Die Sonne beleuchtete die Steinformationen und brachte die Welt zum Leuchten – es war zum Träumen schön!

Ein großer Teil der Route war mit Kletterpassagen am Fels, so dass man nicht ständig an Stahlseilen hing und die Natur an der Haut spüren konnte. Es gab immer wieder leichtere Stellen zum Ausruhen und so stiegen wir gemächlich höher. Oben wurde es dann etwas flacher und so kamen wir dann zwischen ein paar Büschen herausgestolpert zum Gipfelkreuz, zu dem man von der anderen Seite auch entspannt wandern konnte – unser Weg zurück.

 


Es ging an Speicherseen vorbei durch sanfte, grüne Wiesen, auf denen Kühe mit ihren großen Glocken am Hals grasten. Was für eine idyllische Landschaft.

Am Panorama-Restaurant mit angeschlossenem Triassic Park (vor 200 Millionen Jahren befand sich an dieser Stelle das Urmeer Tethys und hatte Korallen und Ammoniten hinterlassen) trafen wir Taddy und Carsten wieder und schlenderten dort im nachmittäglichen Sonnenschein ein wenig durch die nette Anlage. Vielleicht entspannten wir uns dort ein bisschen zu lange, denn wir mussten abends noch einkaufen fahren, da morgen ja Sonntag war. Geschäfte schlossen hier um 20 Uhr und so wurde alles noch relativ knapp, da wir ja im billigeren Deutschland einkaufen gehen wollten. Per und ich chillten dann auf dem Parkplatz im Auto, während die Erwachsenen Einkaufen gingen. Haha. Manchmal bin ich noch ganz gerne ein Kind.

Abends ließen wir den Abend dann entspannt mit Mojitos ausklingen und vielleicht bin ich dann doch auch gerne erwachsen. :D

 


Und dann war auch schon mein letzter voller Tag hier in Achenmühle, den wir mit einer Radtour durch die nähere Umgebung starteten. Pers Schule, Sportplatz und dann rauf auf den Samerberg, den man leider nicht umfahren konnte, wenn man zur anderen Seite und dem Naturbad kommen wollte. Ich hatte das E-Bike, das mir auch die Aufgabe bescherte, nun Per den Berg hinauf zu ziehen. Ein Seil verband unsere Fahrräder (alles sehr sicher, ich schwöre!) und dann stellte ich den E-Antrieb auf höchste Stufe und meine Gänge auf die niedrigsten. Ich hatte nicht erwartet, dass wir beide doch noch so krass treten mussten! Was war das bitte für eine Höllen-Steigung?! Als unsere Lungen kurz vorm Kollabieren waren, machten wir erstmal eine Pause und warteten auf Taddy und Carsten, der ein Rad ohne E-Antrieb hatte. Wir waren alle knallrot im Gesicht und es ging noch weiter hoch. Keuchend krochen wir mit brennenden Oberschenkeln und Lungen den Berg hinauf – Flachlandkind, das ich bin, hatte ich diese Qual nicht erwartet… Aber schön, dass man nie auslernt.

Oben gab es dann eine tolle Aussicht neben einer Kirche auf dem Gipfel, wo wir uns mit Weintrauben stärkten. Schatten, kühles Gras, sitzen. Theoretisch hätte man weit genug schauen können, um von hier München zu sehen, aber das lag hinter dem einzigen Hügel da hinten irgendwo verborgen. Ts.

Nach der Pause kam dann der Spaß, denn nach jedem Anstieg geht es irgendwann auch wieder runter und auf perfekt asphaltierten Straßen kann so ein Rad durchaus verdammt schnell werden. Ich hatte eine Geschwindigkeitsanzeige an meinem E-Bike und so kann ich sagen, dass ich ab 45km/h nervös wurde. Einmal kurz fuhr ich über 50km/h (plötzliche Erkenntnis, dass man keinen Helm trägt) und dann bremste ich ab. Glücklicherweise funktionierten die Bremsen einwandfrei, denn von denen machte ich sehr lange sehr viel Gebrauch. Aber oh mein Gott war das ein Spaß! Flachlandkind wird sonst nie so schnell auf dem Rad! Ich glaube 30km/h hatte ich irgendwann mal mit viel Treten, Rückenwind und bergab geschafft…

 

Kurze Abkühlung im Naturbad, das heute am Sonntag mit tollstem Sonnenschein natürlich ziemlich voll war, und dann ab nach Hause. Carsten und ich hingen die nassen Sachen auf und räumten die Spülmaschine aus, während Per und Taddy deren heute angekommenen Freunde abholten, die zum Grillen eingeladen waren. Es wurde ein super netter Abend, ein wunderbarer Abschluss dieser entspannten Woche! Danke Taddy, Carsten und Per für die wundervolle Zeit und die Gastfreundschaft und Gespräche und das Lachen und Wandern, das Eisessen und die leckeren Cocktails!

Pers Vorschlag die kleine Wohnung nebenan zu mieten, die gerade frei wurde, musste ich schweren Herzens ablehnen, aber ich komme bestimmt wieder! <3

 

Gipfel der Steinplatte

<3